Bettina Balàka „Eisflüstern“

von sophilos

Wien, Zwischenkriegszeit, 1922. In ihrem neuesten Roman entführt uns Bettina Balàka in eine der spannendsten Perioden der österreichischen Geschichte. Die Menschen sind in Gedanken immer noch mit der Monarchie und schon fast dem Antisemitismus verbunden. Es ist diese Phase des Umbruchs, und eben nicht des Aufbruchs, die Balàka eingehend zu behandeln sucht. Der Protagonist Beck, ein Rückkehrer aus russischer Gefangenschaft, immer wieder seiner grauenvollen Erlebnisse reminiszent, ist nicht fähig, sich in sein neues Leben einzufinden. Nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft, geschädigt und traumatisiert, ist er sich selbst oder vielmehr seinem ‚Sollte‘ Status fremd. Sein Arbeitsplatz ist ihm bei diesem Orientierungsprozess kaum von Hilfe, gilt es doch, eine Kette mysteriöser Mordfälle aufzuklären. Beginnend mit einem Knochenfund in einem Müllraum eines Gemeindebaus reist er quer durch Vergangenheit und Gegenwart.

Mag der Beginn noch einen Krimi erwarten lassen, so zeigt sich bald, dass Balàka sich eine gänzlich andere Aufgabe gestellt hat. In scheinbar planlosen Spaziergängen durch die Gassen – die Vertrautheit –  schildert Balàka anhand ihres Protagonisten das Leben während dieser Schlüsselphase der österreichischen Geschichte. Kunstvoll wird die ‚österreichische‘ Seele anhand von Beck illustriert.

Die rhythmische Strukturierung der Narrative, Zeitsprünge und Flashbacks werden gleichsam eingesetzt, um die Neugierde des Lesers zu wecken und zu erhalten. Die Sprache ist deutlich und die Autorin scheut nicht davor zurück, Dinge klar beim Namen zu nennen. Diese Klarheit ist eines der wichtigsten Stilmittel Balàkas im Kampf gegen die Verschwommenheit eines historischen Settings und mithilfe ebendieser Klarheit gelingt es ihr, einen interessanten und fundiert historischen Roman zu konstruieren, dem es gelingt den Lesenden eine gekonnt skizzierte Idee dieser Zeit zu geben. Die Kombination von Fakt und Fiktion ist ihr teils beeindruckend gut gelungen. Sie schafft es den Leser in eine Welt von Gefühlen und Spannungen hineinzuversetzen, die uns heute so nah und doch so fern erscheint.

Beck braucht Zeit, um sich seiner Traumata bewusst zu werden, Zeit, um sich seiner Rolle klar zu werden, Zeit, um seine Gedanken an einen Kaiser zu verdrängen, der ihm nichts als Leid und Trauer gebracht hat. Es ist diese Zeit, die von Balàka so eindringlich bebildert wird, was auch dazu führt, dass die Charakterstudie erst im letzten Drittel des Romans langsam in einen Krimi umschlägt. Doch zuletzt bleibt Beck nichts anderes übrig, als sich mit seinem Leben abzufinden und sich seiner Familie wieder anzunähern. Behutsam gewinnt er das Vertrauen seiner Frau und seiner kleinen Tochter, für die er bloß eine Geschichte, ein Gemälde ist, zurück.

Steinchen für Steinchen setzt Balàka ein Mosaik aus Erinnerungen und Erlebnissen zu einem Bild von unglaublicher Schärfe und Präzision zusammen. Stimmig Wort für Wort, Klang für Klang, Bild für Bild spielt sie mit dem Wiener Dialekt und so fällt es dem Unkundigen ein ums andere Mal schwer, sich zurechtzufinden und diese Ausdrücke zu entschlüsseln. Übrig bleibt ein Roman, dessen Narrative nicht enttäuscht, dessen Genauigkeit beeindruckt und dessen Sprache sich nahtlos einzufügen vermag.