Franz Kafka „Der Proceß“

von sophilos

„Der Proceß“ ist vor allem eines: der Versuch eines Individuums, eines Mannes, Josef K.‘s, ein ihm vollkommen suspektes Ereignis, die eigene Verhaftung, in Kontext zu stellen und zu bewältigen. Die Grenzen dieser Bewältigung, dieses Verstehens selbst, sind Thema des Romans. Explizit wird diese Thematik  als ein scheinbar simpler, gar simplifizierter, Textteil mannigfaltige Interpretationsmöglichkeiten aufzuweisen beginnt, die berühmte „Türhüter-Legende“. Diese führt bei zu genauer Betrachtung in Untiefen und Abgründe, schließlich bleibt eine letztgültige Antwort, zumindest dem Leser, verschlossen. Es ist diese Verweigerung ultimativer Antworten die eine nihilistische Deutung nahe legt, denn letztendlich sind wir Menschen nur in die „Welt geworfen“, um einen berühmten Ausspruch Sartres zu bemühen.

Eine solche Deutung wird von dem Faktum unterstützt, dass Kafka auffällige Ähnlichkeiten zu Dostojewski und Nietzsche aufweist. Im Gegensatz zu diesen bietet er allerdings keinen Ausweg aus dem Nihilismus an, denn an der Stelle an der bei Dostojewski das orthodoxe Christentum und bei Nietzsche der Übermensch steht, herrscht bei ihm klaffende Leere. Zudem erscheint K. trotz innerer Monologe und anderer literarischer Mittel, die im Normalfall dem Zweck des Bekanntmachens mit dem Handelnden dienen, als ein „Mann ohne Eigenschaften“, niemals wird klar, was für ein Mensch er wirklich ist, weder kennt man seine Vorgeschichte, noch Fremdeindrücke, er könnte somit synonym mit der menschlichen Natur an sich verwendet werden. Kafka mag zwar keinen philosophische Ausweg bieten, dem Leser allerdings gibt er die Mittel, sich von Josef K. selbst zu distanzieren, während zu Anfang noch eine fast einem Kriminalroman entsprechende Spannungskurve vorherrscht, wird später klar, dass der Protagonist mehr von einem schlechten Gewissen getrieben wird, als von einem Drang seine Unschuld darzulegen. Dennoch versucht Josef K. die rationale Fassade mit viel Mühe aufrechtzuerhalten, doch unweigerlich führt dieser Gegensatz zu Komplikationen, die dem Leser eine Stimmung zwischen Grauen und Vergnügen zu teilhaben lässt. Dieses Element der Tragikomik wird von Kafka allerdings nicht über den ganzen Text hinweg aufrechterhalten, doch dient das abrupte Ende dieses Moments einer Charakterentwicklung, denn als K. zu seiner Hinrichtung antreten muss, wird er sich seiner Lage zum ersten Mal voll und ganz bewusst und lässt sich nicht länger vom Schall und Rauch des Gerichts trügen.

Kafkas „Der Proceß“ ist eine Parabel auf die Hilflosigkeit des Individuums in einer von willkürlichen und das Individuum unter Legitimationsdruck stellenden Institutionen dominierten Welt. Institutionelle Gewalt und Willkür, sowie der Kampf des Gewissens mit dem rationalisierten Ich sind die Hauptthemen, denen sich Kafka verpflichtet fühlt. Gerade wegen der unzähligen Möglichkeiten dieses Werk zu interpretieren, ja auch zu lesen, gilt „Der Proceß“ als Meisterwerk Kafkas und dies nicht zu Unrecht.