Ein Teil von jener Kraft…

von sophilos

Mephistopheles: Ein Teil von jener Kraft,

Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Faust: Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?

Eine der wohl berühmtesten Stellen von Goethes Faust und ein auch heute noch häufig verwendetes Bildnis. Denn wo Licht ist, muss auch Schatten sein. Der hellste Tag wirft den schärfsten Schatten, und an einem grauen Tag wird auch der Schatten an Kontur verlieren. Das Böse und das Gute stehen dementsprechend in einer engen Wechselbeziehung. Gäbe es das Böse nicht, wäre dann das Gute noch erkennbar? Ohne das Böse als Kontrast, würden die Grenzen verschwimmen und dem Menschen wäre es nicht gegeben, das Gute zu erkennen. Demzufolge benötigt also Licht, das Gute, den Schatten, das Böse, und der Schatten das Licht. Doch lässt sich dieses Beispiel nicht allzu leicht ad absurdum führen? Tatsächlich ist Schatten die Abwesenheit von Licht in einer Umgebung erfüllt von Licht. Diese Abwesenheit wird durch einen Unterbrecher verursacht, kurz gesagt ein Hindernis. Daraus lässt sich schließen, dass Schatten sowohl Licht als auch Unterbrecher benötigt um zu existieren, Licht dagegen besteht davon unabhängig.

Goethe zitiert hier, mit jugendlicher Selbstironie und ohne wirklich zu glauben, eine aufklärerische Auffassung: Laut Leibniz habe Gott die beste aller möglichen Welten geschaffen, damit bliebe dem Bösen sein Raum nur, um das Gute erkennbar zu machen. Auch hier entsteht durch den Schatten erst der Kontrast, der den Menschen, dem von Gott der freie Wille gegeben wurde, auf den rechten Weg führen soll. Logisch folgernd führt damit selbst die böseste Absicht des Satans, des Schattens, nur dazu, dass Gottes Plan vorangetrieben wird: Aus dem Bösen entstehe Gutes. Diese Auffassung ist aus dem vorrationalen Glauben entstanden und hält heute keiner ernsthaften Debatte mehr stand, dennoch besitzt eine solche Idee im zeitgeschichtlichen Umfeld Goethes durchaus noch ihren Reiz.

Wenn man nun ein wenig weiter liest, so fällt es schwer, die Vorstellung aus dem Kopf zu bannen, dass Mephisto hier tatsächlich von der Entstehung der Welt spricht. Diese ist aus einer Singularität entstanden und ihm wurde, per Zufall, die Seite des Schattens zuteil. Als diese Singularität sich teilte, in Licht und Schatten, Gut und Böse, Jin und Jang und Materie und Antimaterie, muss er also zu der Einsicht gelangt sein, dass er selbst ein Teil des Bösen ist. Diese Einsicht ist nicht menschlich und verkörpert damit ein weiteres wichtiges Element seiner Persönlichkeit, denn im Menschen existieren im Gegensatz zu ihm beides, sowohl Licht als auch Schatten. Er stellt somit das Böse als das eigentlich Gute dar. Doch kann man das Böse auch abseits seiner allgemeinen Bedeutung sehen, in diesem Sinne als die Polarität zwischen Ursprung und Ende, sowie Geburt und Tod. Somit ist Mephisto Teil des natürlichen Ablaufes, der aus Zerstörung wieder eine Schöpfung hervorbringt. Mephisto stellt alles in Frage, auch diesen Ablauf von Tod und Geburt. Für ihn selbst ist dieser Weg sinnlos und ziellos, denn besser wärs, dass nichts entstünde, denn dann müsste dieser Ablauf nicht auf ewig fortgesetzt werden.