Das Phänomenale Bewusstsein – Ein Rätsel der Wissenschaft

von sophilos

Jedem Leser dürfte das Farbensehen zur Genüge bekannt sein. Das Farbensehen so wie die meisten Bewusstseins(!)zustände wird bereits zur Routine lange bevor ein Mensch imstande ist solche subjektiven Erlebnisgehalte der täglichen Wahrnehmung kritisch zu reflektieren und mit formalen, wissenschaftlichen Begriffen in Verbindung zu bringen. Daher fällt das abstrahieren dieser ohnehin sehr abstrakten Qualia den Philosophen des Geistes  äußerst schwer und ist wie so viele andere Probleme der Philosophie des Geistes ein beliebter Streitpunkt der Materialisten und Metaphysiker. Doch bevor der philosophische Diskurs beginnt, möchte ich eine kurze Erklärung zur Begrifflichkeit der Qualia voranstellen:

Der Begriff Qualia (von lat. quale „so beschaffen“) bezeichnet den subjektiven Erlebnisgehalt eines mentalen Zustandes. Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel präzisiert den Qualiabegriff in seinem Aufsatz „What is it like to be a bat“ und behauptet, dass sich mentale Zustände auf eine bestimmte Art anfühlen. Fragt man die Naturwissenschaft, was das Farbensehen sei, so würde ein Physiker mit Erkenntnissen der Optik (wie Frequenz, Wellenlänge, sichtbares – unsichtbares Licht und so weiter) aufwarten, ein Biologe näher auf die menschliche Anatomie und neuronale Prozesse eingehen, Thomas Nagel aber meint, es gebe mehr, es gebe eine bestimmte Weise des Anfühlens und Verarbeitens. Bei anderen Philosophen führt die Schwierigkeit bei der Findung einer einheitlichen Definition zum sogenannten Qualiaeliminativismus, also der gänzlichen Ablehnung der Existenz solcher Qualia.

Bei jenen Philosophen, die die Existenz der Qualia nicht anzweifeln, haben sich zwei Meinungsfronten gebildet. Auf der einen Seite gibt es eine materialistische Herangehensweise, die im Qualiaproblem ein erkenntnistheoretisches Problem sieht, auf der anderen Seite die dualistische, die darin ein metaphysisches Problem erkennt. Auf beiden Seiten gibt es einige Argumente und Lösungsvorschläge. Sehr bekannt ist das Mary-Gedankenexperiment.  Dieses von Frank Jackson entwickelte Gedankenexperiment erzählt von Mary, einer Neurophysiologin, die aus unerfindlichen Gründen in einem schwarzweißen Zimmer eingesperrt ist und die Welt durch einen Schwarzweißfernseher beobachtet. Sie sammelt alle physischen Fakten über Farben, hat aber selbst noch nie Farben erlebt. Die Frage, die Jackson in seinem Experiment aufwirft, ist: Wird Mary etwas Neues über Farben lernen, wenn man sie aus ihrem Zimmer entlässt? Jackson behauptet, es sei offensichtlich, dass sie etwas Neues lernt. Da er außerdem davon ausging, dass all unser Verhalten von physikalischen Kräften verursacht wird, sah er in seinem Gedankenexperiment die Widerlegung des Materialismus und die Bestätigung des Epiphänomenalismus, welcher besagt, dass Qualia epiphänomenal wären, also als nichtphysische Entität von neuronalen und kognitiven Prozessen verursacht würden, aber keine signifikante Auswirkung auf die physische Welt hätte[1]. Daniel Dennett sieht eine fatale Lücke in diesem Gedankenexperiment, nämlich dass es zwar intuitiv nachvollziehbar sei, aber „alle physischen Fakten kennen“ tatsächlich nicht einfach zu verstehen sei, da wir nicht wüssten, welche Fakten wir noch nicht kennen. Er korrespondiert in seiner Argumentation auch mit Joseph Levine, der das Erklärungslückenargument formulierte[2]. Demzufolge fehlen uns heute noch die nötigen Kenntnisse zum Verständnis der Korrelation zwischen neuronalen bzw. kognitiven Zuständen und Qualia. Er betont außerdem, dass es gut möglich sei, dass dieses Verständnis nicht zu erlangen sei, es also in Bezug auf Qualia immer eine Erklärungslücke geben werde.

Das wohl bekannteste Rätsel im Zusammenhang mit Qualia ist das Gedankenexperiment der invertierten Qualia. Dieses Gedankenexperiment soll belegen, dass die Übersetzung von neuronalen Zuständen in Qualia keineswegs eindeutig ist. Es ist gut vorstellbar, dass bei Person X ein neuronaler Zustand in Rotwahrnehmung übersetzt wird, während bei Person Y derselbe neuronale Zustand in Blauwahrnehmung übersetzt wird. („Vielleicht sieht für mich Rot genauso aus, wie für dich Blau.“) Metaphysiker sehen hierin wiederum die Widerlegung des Materialismus, da Qualia offensichtlich in keinem direkten Zusammenhang mit neuronalen Zuständen stünden. Materialisten entgegnen, dass die Vorstellbarkeit einer invertierten Qualia auf den Mangel an Verständnis für Qualia zurückzuführen ist. Natürlich muss sich dieses Experiment auch den Einwand gefallen lassen, dass es keineswegs die Existenz invertierter Qualia beweist.

Aber das Gedankenexperiment der invertierten Qualia könnte den Schlüssel zum Verständnis des Problems enthalten, denn es beschreibt den Übersetzungsprozess.  Wenn man nun von der Existenz einer Subjektivität in der menschlichen Wahrnehmung ausgeht[3], dann hätte jeder Mensch einen individuellen Übersetzungscode. Die entscheidende Frage ist nun, ob es möglich ist den subjektiven Anteil der Wahrnehmung zu objektivieren. Das Problem dabei ist, dass sich Erlebniszustände nicht direkt vergleichen lassen. Man muss sie durch die neuronalen Zustände, von denen sie ausgelöst werden, beschreiben, wodurch sie sofort ihre Subjektivität verlieren und von verschiedenen Menschen unterschiedlich übersetzt werden.

Als Analogie stelle man sich einen enorm großen kreisförmigen Raum vor, an welchem enorm viele sehr viel kleinere Räume anliegen. Der große Raum, in dem sich jeder aufhalten kann, repräsentiert die uns bekannte physische Welt. Jeder der kleineren Räume repräsentiert das Bewusstsein eines Menschen. Jeder „Bewusstseinsraum“ kann nur von der jeweiligen Person betreten werden, der das Bewusstsein gehört. In jedem dieser Bewusstseinsräume befinden sich unterschiedlich geformte und gefärbte Figuren. Jeder Raum hat dieselben Figuren, aber in jedem Raum sind sie unterschiedlich gefärbt. Die Figuren stellen neuronale Zustände dar, während ihre Farben Qualia repräsentieren. Jede Person kann seine Figuren aus seinem Bewusstseinsraum in den großen Raum tragen und sie jemand anderem übergeben, der sie dann in seinem eigenen Bewusstseinsraum betrachten kann. Aber wenn eine Figur einen Bewusstseinsraum verlässt und in den großen Raum gebracht wird, verliert sie sofort ihre Farbe und wird weiß. Wird eine Figur hingegen von dem großen Raum in einen Bewusstseinsraum gebracht, so nimmt die Figur sofort die Farbe an, die die gleichgeformte Figur des Besitzers dieses Raumes hat. Das Qualiaproblem äußert sich nun, indem man versucht die Farben zu vergleichen. Es ist Person X unmöglich zu erfahren, welche Farbe die zylindrische Figur im Bewusstseinsraum der Person Y hat, da er ja all Figuren nur in seinem eigenen Raum betrachten kann. Formen lassen sich vergleichen, Farben aber nicht.

Es gibt für das Qualiaproblem verschiedene Lösungsansätze. Der materialistische Ansatz beinhaltet die Vermutung, dass es erst eine wissenschaftliche Revolution braucht, bevor sich qualitative Bewusstseinszustände durch neuronale bzw. kognitive Vorgänge erklären lassen. In der Analogie entspräche dies der Vermutung, dass es eine Möglichkeit gebe, Figuren von einem Bewusstseinsraum in den großen Raum zu bringen, ohne dass diese ihre Farben verlieren, man hätte diese Methode nur noch nicht gefunden. Der dualistische Ansatz entsagt dem Versuch eine Erklärung zu finden, da es gar keine physische Erklärung gebe. In der Analogie entspräche dies einer Existenz eines „zweiten Stockwerks“. Allerdings gäbe es keine Treppe oder sonstige Verbindung vom unteren („physischen“) Stock in den oberen („mentalen“) Stock. Trotzdem wirke der obere Stock irgendwie auf den unteren ein. Schließlich gibt es noch den eliminativistischen Ansatz, der die Existenz von Qualia gänzlich in Frage stellt. In der Analogie würde dies die Abwesenheit jeglicher Farben bedeuten.

Trotz des rasanten Fortschritts der Technologie und der enormen Errungenschaften der Moderne stoßen Wissenschaftler bei Fragen der Philosophie des Geistes noch auf Probleme. Probleme, die nicht nur schwierig zu verstehen sind, sondern deren Lösbarkeit auch noch in Frage steht. Auch ist nicht klar, ob diese Probleme überhaupt relevant sind, ob es einen Unterschied macht, eine Lösung zu finden oder nicht. Fest steht, dass sie Grenzen des menschlichen Wissens darstellen und in Verbindung mit der unendlichen menschlichen Neugier zu Neuerungen und Fortschritt führen, und natürlich zu neuen spannenden Rätseln.


[1] Später verwarf er diese Idee wieder, da er meinte beim Erblicken der Farben, würde Mary automatisch ein „Wow“ ausstoßen, welches durch die Qualia des Farbensehens verursacht worden wären.

[2] Im Gegensatz zum Mary-Gedankenexperiment ist das Erklärungslückenargument nicht gegen den Materialismus gerichtet. Levine betont sogar, dass es sich hier um ein erkenntnistheoretisches und kein metaphysisches Problem handle.

[3] Diese Subjektivität ist offensichtlich existent. Einfache Belege dafür sind simple zwischenmenschliche Phänomene wie beispielsweise Missverständnisse. Auch Geschmack im Sinne von visuellen, auditiven, kinästhetischen, olfaktorischen oder gustatorischen Präferenzen, die mit Sicherheit bei jedem Menschen unterschiedlich sind, kann als einfacher Beleg herangezogen werden.

 

 

by Raffael