Zur Freiheit verurteilt…

von sophilos

Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein. (Jean-Paul Sartre)

Freiheit. Ein Terminus der sich mit dem Voranschreiten der Geschichte veränderte wie kaum ein anderer. Die Freiheit hat sich gewandelt, während sie in der Antike alleine den Besten vorbehalten war, hat sich mit der Aufklärung und der Abkehr von Leibeigentum und Sklaverei ein universeller Freiheitsbegriff durchgesetzt.

Sartre geht noch einen Schritt weiter, laut ihm kann sich der Mensch nicht dem Urteil erwehren frei zu sein. Frei zu sein, nicht nur in dem Sinne, dass er in einer Situation tun kann was ihn seine Impulse zu tun verleiten oder frei von jeglicher Determination ist, vielmehr betont Sartre, dass das Individuum in jeder Situation die Freiheit hat zu handeln bzw. nicht nicht handeln kann. Weder ein übergeordnetes Wesen, noch den Determinismus lässt er als Ausrede, als Ausflucht gelten, es gibt nichts wonach sich der Mensch richten könnte außer seiner selbst. Deshalb hat er sowohl die Pflicht als auch das Privileg sich selbst zu gestalten, seine eigenen Normen zu erdenken und seine eigene Authentizität zu erhalten[1]. Sartre schließt damit an Nietzsche an, dessen Äußerung „Gott ist tot“[2] zu einer der wichtigsten des atheistischen Existentialismus werden sollte. Zusammengefasst: Der Mensch ist verurteilt, weil es nicht in seiner Hand liegt zwischen Freiheit und Unfreiheit zu wählen. Der Mensch ist frei, weil er selbst seine Handlungen bestimmt. In welchem Verhältnis steht das freie Individuum zur Gesellschaft? Für Sartre sind die Normen der Gesellschaft kein deterministisches Element, denn es liegt in der Macht des Individuums, des Einzelnen, seine Realität zu nichten, für nichtig zu erklären. Wie kommt dieses Bild zustande? Sartre meint zunächst, dass jede Handlung ein Ziel hat. Dieses Ziel wird vom handelnden Individuum festgelegt, doch das festlegen eines Ziels bedeutet zugleich ein Erwarten einer neuen Realität, einer Veränderung der Umstände, womit das Individuum seine derzeitige Realität nichtet, denn es handelt um eine neue, seinen Wünschen mehr entsprechende Realität herbeizuführen. Diesem Argument können wir entnehmen, dass wir so verantwortlich sind, wie wir frei sind. Denn zu dem Zeitpunkt zu dem wir über den einfachen Status Quo hinausdenken verfolgen wir ein Ziel, dessen Konstruktion uns allein oblag, und sind damit nicht mehr von der Verantwortung für unsere Handlungen befreit.

Der zugrundeliegende Freiheitsbegriff Sartres besagt, dass wir aus allen Handlungsalternativen wählen können, ausgenommen jener die uns alle Handlungsalternativen untersagt. Doch ist dies ein Freiheitsbegriff, der aus sich selbst heraus letztgültige Freiheit, die Freiheit zu allem, zu jeder gewollten Handlungsalternative, untersagt. Damit verhält er sich wie ein Fleck auf einem sauberen Blatt Papier, das Blatt Papier ist in Wahrheit nicht sauber, und in gleicher Weise war das Individuum nie frei. Ist also der Mensch nach Sartre dazu verurteilt frei zu sein, oder doch nur verurteilt bzw. kann das Individuum überhaupt zu Freiheit verurteilt werden? Ausgehend vom obigen Paradoxon definiere ich Freiheit, im Gegensatz zu Sartre, als die Möglichkeit sowohl verantwortlich als auch nicht verantwortlich zu sein, doch mit der Aufgabe der Verantwortung geht auch der Verlust der Freiheit einher. Freiheit heißt also auch, die Wahl zu haben zwischen Freiheit und Unfreiheit. Sie ist demnach eine Entscheidung die vom Individuum zu treffen ist, will es, frei nach Sartre, das Urteil auf sich nehmen, oder sich lieber in eine Unfreiheit begeben um sich seiner Verantwortung zu entledigen. Verdichtet und in spruchreife Form gebracht:

Freiheit heißt die eigene Verurteilung zu Freiheit anfechten zu können.


[1] Authentizität bedeutet für den Existenzialisten in etwa Erkenntnis seiner eigenen Individualität und das Anerkennen der Einheit von Freiheit und Verantwortung. Sie gilt im Existentialismus als Tugend, ist allerdings nicht eindeutig definiert, bzw. definiert sie jeder Existenzialist individuell verschieden.

[2] Nietzsches Ausspruch war allerdings nicht der erste dieser Art, schon Hegel hatte vom Tod Gottes gesprochen.