Fjodor Dostojewski „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“

von sophilos

„Ich bin ein kranker Mensch. Ich bin ein bösartiger Mensch.“ Eine Offenbarungsschrift, als dies nimmt der Erzähler seine Niederschrift wahr. Eine Beichte an die Welt. Dostojewskis größter unter den kleinen Romanen, „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“, erzählt von einem Mann, einem knapp 40-jährigen Kanzleiangestellten, verarmt und geplagt von Trägheit und Niedertracht. Dostojewski, bereits von starken epileptischen Anfällen betroffen, schreibt hier, nach dem Tode seiner Frau, ein Werk von stilbildendem Ausmaß. Angeekelt von der Gesellschaft zieht sich der Erzähler zurück, ein selbstgewähltes Exil um sein Recht auf Selbstbestimmung vor dem alles beherrschenden Diktat der Vernunft zu bewahren. Von Nietzsche als größtes Werk Dostojewskis benannt, zeigt dieser ein, in allen sprachlichen Facetten perfektioniertes, Leben, wie es sich der heutige nur allzu positiv eingestellte Mensch nicht mehr vorstellen könnte.

In zwei Teilen, einem theoretischen bzw. einem narrativen, legt Dostojewski die Karten auf den Tisch, zeigt was er von den überzogenen Hoffnungen der Menschen hält, von dem übertriebenen Vertrauen in den technischen Fortschritt. Im ersten Teil lässt er den Erzähler vor sich hin sinnieren, lässt ihn noch einmal die wichtigsten Momente seines Lebens durchgehen, die ihn in seinen Ansichten bestätigen und uns vor Augen führen, wie leicht es ist, auf diesen Weg abzukommen, er zeigt uns wie einfach es ist, wenn man mit der „richtigen“ Einstellung herangeht, alles negativ zu sehen. Der Erzähler definiert sich selbst als „böse“ und alle Menschen, die sich selbst als „gut“ sehen, als naiv und weltfremd. Aus einer hoffnungslosen Situation schildert er seine Vergangenheit, sprachlich adäquat in Szene gesetzt von Dostojewski, denn er hatte bemerkt, dass „ordentliche Menschen mit dem allergrößten Vergnügen über sich reden“. Denn „eine Schlange überlebt nicht ohne Häutungen“, hatte Nietzsche schon gesagt. Im zweiten Teil trifft der Erzähler mit seinen alten Klassenkollegen zusammen, die er schon immer gehasst hat. Dieses Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit, denn auch sie hassen ihn, den Außenseiter und Sonderling, der bis auf seine Schulleistungen nichts Achtenswertes vorweisen konnte bzw. kann.

„Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ ist ein sehr tiefsinniges Werk, von Dostojewski verfasst, als er die schwerste Zeit seines Lebens durchmachte. Hinzu kommt der zeitgeschichtliche Umbruch, der sich mit der industriellen Revolution anbahnte. Der Umbruch, den man am eigenen Leib erfuhr und der zu einer neuen Identifikation des Ichs führen musste. Dostojewski übernimmt die Verteidigung der persönlichen Freiheit gegenüber gemeinschaftlichen Glücks und der Abhängigkeit vom System. Im Grunde genommen tut der Erzähler genau das, was wir alle bereit wären zu tun, aber dann im Angesicht der Situation nicht mutig genug sind, es auch umzusetzen. Er steht für seine Freiheit ein, löst sich von den gesellschaftlichen Idealen und lebt auf sich allein gestellt, ein Verhalten das Strafe provoziert, wie uns die Geschichte lehrt, ein Verhalten, das auch in diesem Fall zu einer Bestrafung führt. Kurzum: Ein großes kleines Werk, das insbesondere im zeitgeschichtlichen Kontext betrachtet, noch so manchen Subtext sowohl politischer als auch philosophischer Natur offenbart.