Thomas Bernhard „Korrektur“

von sophilos

Bernhards Werk „Korrektur“ erschien, wie einige andere von Bernhards Schriften, erst nach mehrmaligem Verschieben der Fertigstellung. Diese Thematik des korrigierenden Schriftstellers greift er in „Korrektur“ auf, und sie spiegelt sich in jedem Aspekt des Romans. Roithamer, Protagonist und Schriftsteller, oder eher Schriftschaffender, arbeitet zugleich an zwei Werken, zwei Werken, die wechselseitig voneinander abhängen. Das eine, die Studie „Über Altensam und alles, das mit Altensam zusammenhängt, unter besonderer Berücksichtigung des Kegels“, das andere, weitaus umfassendere Projekt, ein Wohnkegel, den Roithamer „in drei Jahren ununterbrochener Geistesarbeit für seine Schwester entworfen und den darauf folgenden drei Jahren mit der größten, von ihm selbst einmal als beinahe unmenschliche Energie bezeichnet, und zwar in der Mitte des Kobernaußerwaldes, gebaut hat.“ Der Kegel, der seine Entsprechung im innersten Wesen der Schwester finden solle, bringt ihr aber letzen Endes nichts anderes als den Tod und wird anschließend dem Staat, mit dem Hinweis niemand solle ihn betreten, und den Kreaturen des Waldes überlassen. Roithamer kann mit dem Schmerz des Verfehlens nicht umgehen und begeht Selbstmord. Seine Studie ist als fertiges Manuskript vorhanden und wird als Teil von Roithamers Nachlass dem Erzähler hinterlassen. Die Schrift wurde durch die Korrektur des Roithamer verkürzt und verkürzt, bis schließlich, von 800 Seiten ausgehend, nur mehr 20 Seiten blieben. Als Roithamer diese 20 verbleibenden Seiten sah, entschloss er sich dazu das sinnlose Unterfangen aufzugeben.

Fortwährend korrigieren wir und korrigieren uns selbst mit der größten Rücksichtslosigkeit, weil wir in jedem Augenblick erkennen, dass wir alles falsch gemacht (geschrieben, gedacht, getan) haben, falsch gehandelt haben, wie wir falsch gehandelt haben, dass alles bis zu diesem Zeitpunkt eine Fälschung ist, deshalb korrigieren wir diese Fälschung und die Korrektur dieser Fälschung korrigieren wir wieder und das Ergebnis dieser Korrektur der Korrektur korrigieren wir und sofort, so Roithamer.

Was ist diese Korrektur, die Bernhard zu beschreiben sucht? Zunächst differenziere ich zwischen dem Korrigieren als Prozess und der Korrektur als Zustand. Der Prozess steht für das Leben, der Zustand für den Tod. Das Leben ist, wie wir aus unserer eigenen Erfahrung ableiten können, eine ständige Korrektur, ein permanentes Korrigieren. Man kann nicht leben, ohne zu korrigieren, denn sowie man lebt, konstruiert man die Welt, die einen umgibt, und unter dem Eindruck neuer Erfahrungen und neuer Erkenntnisse sind wir gezwungen, unsere Konstruktion zu revidieren, damit sie ihre Gültigkeit bewahren kann. Nehmen wir an, man denke von sich, dass man eine ehrgeizige Person sei, doch zugleich wird einem bewusst, dass man zurzeit nichts als Unsinn treibt. Diese Zeit, die man sich mit Unsinn vertreibt, tituliert man nun als Freizeit und bezeichnet man als notwendig, um überhaupt ehrgeizig zu sein. Schlussendlich bleibt aber doch nur die Erkenntnis, dass auch diese Korrektur wieder korrigiert werden muss, dass auch diese Konstruktion fehlerhaft ist und keine dauerhafte Gültigkeit besitzt. Man kann nun an diesem Diktum verzweifeln, kann einsehen, dass man nichts richtig sagen und denken kann, kann an diesem Gedanken zerbrechen und schließlich vom Abgrund erblickt werden. Ebendies passierte Roithamer. Als er einsah, dass dieses Unbehagen niemals ablassen würde, beging er Selbstmord, er wurde vom Korrigieren zur Korrektur geführt.

Thomas Bernhard webt in „Korrektur“ ein dichtes Netz aus Verweisen, die hinterlassene Studie und die Notizen des Roithamers werden vernetzt mit den Gedanken des Erzählers. Die Wiederholungen, die Redundanzen und die endlosen Repetitionen symbolisieren den Schmerz, den Roithamers Werk für ihn selbst dargestellt haben muss. Tragödie und Komödie gehen eine ungewohnte Symbiose ein, der Roman ist durchsetzt von pechschwarzem Humor. Die Entscheidung, ob die „Korrektur“ nun eine Tragödie oder Komödie ist, muss ständig neu korrigiert werden und ganz im Sinne Bernhards bleibt es dem Subjekt überlassen, mit dieser Unsicherheit zu leben.