Wahrheit?

von sophilos

Es ist Torheit, von unserem Geist die Fähigkeit zu erwarten, dass er beurteilen kann, was wahr und was falsch ist. (Michel Montaigne)

Wahr und falsch zu unterscheiden, dass heißt einen Irrtum erkennen zu können. Denn ein Irrtum ist immer ein Irren auf zwei Ebenen: Wer irrt, der weißt nicht, dass er sich irrt. Er irrt also, einerseits in dem, worin er sich sachlich irrt und andererseits darin, dass er glaubt, dass er im Recht sei, sich also nicht irre. Jeder Irrtum ist derart beschaffen, ja, es muss sogar jedes Irren derart beschaffen sein. Dies spielt beim Berichtigen eines Irrtums eine essentielle Rolle. Nehmen wir bspw. an ich befände mich auf dem Weg zu einem alten Freund, ich weiß den Weg nicht genau und so kommt es dazu, dass ich mich verlaufe. Nun heißt ein Erkennen des Irrens bezüglich der Wahrheit meiner Annahme, dass dies der richtige Weg sei, aber noch lange nicht, dass ich auch in der Lage bin den Weg zu diesem Freund tatsächlich zu finden. Ich habe so zwar mein Irrtum als solches erkannt, kann es aber nicht korrigieren.

Wie kommen wir nun dazu eine solche Begebenheit als Irrtum zu bezeichnen? Irren heißt, dass ich in meinem Bewusstsein eine Vorstellung habe, die sich nicht außerhalb des Bewusstseins widerspiegelt. Auf diese Art unterscheidet sich für Bertrand Russel auch wahr und falsch: Er meint, dass der Unterschied zwischen einer wahren und einer falschen Annahme die Korrespondenz dieser mit ihrem zugehörendem Komplex ist. Also meint das Irren, dass meine Annahme über den Weg zu meinem alten Freund nicht mit der Außenwelt, dem Komplex übereinstimmt. Obwohl wahr und falsch also Eigenschaften von Meinungen sind, korrespondieren sie mit der Außenwelt: Ein Mensch der etwas annimmt hat dann Recht, wenn es diesen korrespondierenden Komplex gibt, der nur die Gegenstände dieses Komplexes miteinschließt.

Wir können also feststellen, dass die Existenz von Meinungen und Annahmen vom annehmenden bzw. urteilenden Bewusstsein abhängen, ihre Wahrheit aber nicht von diesem urteilendem Bewusstsein festgelegt werden kann und damit nicht von einem spezifischen Bewusstsein abhängt. Das Bewusstsein bringt also nur Urteile hervor, es schafft in keinem Falle Wahrheit oder Falschheit.