Elias Canetti „Die Befristeten“

von sophilos

In Die Befristeten beschreibt Elias Canetti eine fiktive Zukunftswelt, in der jedem Menschen eine definitive Anzahl an Lebensjahren zugeteilt wird. Jeder Mensch in dieser Zukunftswelt weiß also genau, wie lange er leben wird, und, wenn er sich seinen Geburtstag merkt, wann er sterben wird. Im Laufe der Handlung lehnt sich ein Mann namens Fünfzig (die Namen entsprechen in dieser Welt dem vorausgesagten Sterbealter) gegen den Dogmatismus des sogenannten „Kontraktes“ – also dem vorherbestimmten Alter – auf und löst eine Revolution aus, die quasi zur gegenwärtigen Welt zurückführt, also zur Ungewissheit des Todestages. Außerdem werden im Stück Szenen eingebaut, die die Auswirkungen – sowohl positive als auch negative – der „neuen Ordnung“ verdeutlichen sollen.

Canetti stellt in dem Stück zwei Standpunkte gegeneinander auf. Zum einen die allzeit präsente menschliche Angst vor dem Unbekannten und Ungewissen. Er lässt Figuren auftreten, die bestätigen, wie viel schlimmer die Welt und das Leben vor dem Kontrakt war. Er verdeutlicht aber auch die Wichtigkeit des Unbekannten und Ungewissen, indem er eine Reihe von Leuten auftreten lässt, die mit ihrem Alter sehr unzufrieden sind. Auf der einen Seite will jeder gerne wissen, wie alt er/sie/es werden wird, auf der anderen Seite möchte dann aber niemand zur Antwort bekommen, dass er/sie/es nur fünfzehn Jahre leben werde. Dies ist weniger als Kritik des Determinismus aufzufassen, sondern als Kritik des menschlichen Opportunismus. Für den Menschen sei eine Vorhersage nur dann etwas Positives, wenn sie etwas Positives verheißt. Wichtig dabei ist, dass Canetti sich auf keine der beiden Seiten stellt – was deren vermeintliche Wahrheit anbelangt –, sondern nur versucht einen hypothetischen Determinismus zu dokumentieren. Zwar befindet sich in den Kapseln, in denen der Geburtstag des Besitzers festgehalten werden sollte, absolut gar nichts, andererseits wird auch von keinem graubärtigen Mann namens Achtzehn berichtet. Jedoch nimmt Canetti einen klaren Standpunkt ein, was die Qualität der beiden Seiten anbelangt. Er legt dem Leser/Zuschauer nahe, dass erst die Ungewissheit über den genauen Todestag die Lebensfähigkeit ermöglicht. Man muss hier zwischen Ungewissheit und Unbestimmtheit sehr genau unterscheiden. Ungewissheit kann im Gegensatz zu Unbestimmtheit neben einem Determinismus existieren. Insofern ist dies eine neue Idee, als aus der Existenz des Determinismus alleine noch kein Verlust der Freiheit folgt, sondern erst ab dem Wissen um diese Existenz. Solange ich mir also nicht darüber im Klaren bin, ob mein Todestag vorherbestimmt ist, oder nicht, kann ich so leben als sei er es nicht. Die interessante Frage, die das Stück aufwirft, ist: Wie sähe eine Welt aus, in der die Existenz eines Determinismus bekannt, dessen genaue Satzung aber unbekannt ist. Sprich: Wie sähe eine Welt aus, in welcher ich zwar wüsste, dass mein Todestag bereits feststeht, ich aber nicht herauszufinden vermochte, welcher Tag das sein wird. Man kann nur hoffen, dass zukünftige Autoren bzw. Philosophen uns in dieser Hinsicht noch überraschen werden.

 

by Raffael