Thomas Bernhard „Der Italiener“

von sophilos

Der Italiener hat sich aus einem traurigen Anlass zu einem Herrenhaus in Wolfsegg begeben – er ist dort nur ein Gast von vielen – mit ihm finden sich auch der Spanier und der Engländer in der Villa ein. Doch eigentlich war es nicht ein trauriges Ereignis, das die Gesellschaft in Bewegung Richtung Wolfsegg versetzte, denn ursprünglich war nicht ein Toter die Hauptattraktion Wolfeggs, nein, eine beschwingte Komödie sollte die Gäste in Ekstase versetzen. Diesem frohen Ereignis kam der Herr des Anwesens zuvor, er nahm sich das Leben, hatte sich „auf die bekannte grauenhafte Weise in seinem Zimmer erschossen“. Aus der Bühne, welche nur wenige Stunden zuvor noch für die Aufführung des Theaterstücks präpariert wurde, wurde nun das Dekor einer Leichenaufbahrung. Der Italiener allerdings wird nicht an diesem morbiden Spektakel teilhaben, der Sohn des Schlossherren hat anderes für ihn im Sinne, und so entfliehen sie dem Begräbnis. Ihr Weg führt sie durch den winterlichen Wald, hinab auf eine Lichtung, an der sie halten, um ein Massengrab polnischer Soldaten zu begutachten. Der Italiener wird zum Spielball des Sohnes, der ihm seine Gedanken zu den Ereignissen während des Dritten Reiches anträgt.

Schon der Name ist ein Rekurs auf das bestimmende Thema des Fragments: Nicht nur ist Wolfsegg ein Verweis auf die archaische, ja, brutale Gewalt von Wölfen, „diese[n] Bestien, die einst hier gehaust haben sollen“. Nein, Bernhard geht weiter und weckt mit der Nomenklatur Wolfsegg auch Assoziationen in Richtung Führerhauptquartier „Wolfsschanzen“ – jenem Ort, wo Hitler nur knapp einem Attentat entgehen konnte, doch schlussendlich nur leicht verletzt wurde. Wolfsegg ist hier nicht nur ein zufällig gewählter Ort, die Thematik, die Bernhard offensichtlich zu Herzen ging, findet in diesem kleinen verschlafenen Dorf ihre Verdinglichung.

Wie kommt es zu der Erwählung des Italieners unter all diesen Gästen? Dem Sohn war er nicht bekannt, doch schnell entwickelt sich eine auf gegenseitigem Respekt aufbauende Beziehung, die als solche aus einer schwierigen Ausgangslage folgt. Der Sohn verfolgt am Begräbnis seines Vaters vor allem das Ziel sich mitzuteilen, Gedanken auszutauschen, ganz entgegen traditioneller Vorstellungen will er seinen Vater nicht ein letztes Mal sehen, nein, er will ein letztes Mal sein intellektuelles Erbe zu erfassen verstehen. Nicht verwunderlich also, dass er sich adrett dem Italiener nähert, der ihm „als der Interessanteste, auch als der weitaus Intelligenteste der ganzen Gesellschaft erscheint“. So beginnt er die schwere Hinterlassenschaft des Vaters mit dem Italiener gemeinsam in einem Gespräch aufzuarbeiten, er erzählt dem Italiener von jenen zwanzig Polen, die nur unweit vom Anwesen, von deutschen Soldaten, während der Zweite Weltkrieg in seinen letzten Zügen lag, umgebracht wurden. Sein Vater, so der Sohn, habe dieses schreckliche Ereignis noch bis in sein Zimmer vernehmen können, habe die Schreie der Polen, das folgende Chaos und die letztendliche Stille mit eigenen Ohren gehört. Diese Öffnung allerdings geschieht hier nicht auf Betreiben des nachfragenden Fremden, nein, der Sohn treibt diese voran, ja muss sich sogar gedulden, bis der Italiener seine Scheu vor dem Anblick des Toten ablegt. Doch auch der Italiener muss sich schlussendlich dem Tod stellen, muss lernen und akzeptieren, was an diesem Ort geschah, denn nicht nur Österreich, auch Italien ist von einer faschistischen Vergangenheit verfolgt.

Bernhards „Der Italiener“, das ist kein wirklicher Bernhard, ist immer am Rande einer reinen Schilderung und wird erst gegen Ende hin zu einem typischen Bernhard mutieren. Minutiös und detailliert wird hier die Umgebung beschrieben, nicht zuletzt sollten diese Beschreibungen Ferry Radax als Filmvorlage dienen. Doch mit der Einnahme des Blickwinkels der Kamera geht eine Mühseligkeit einher, die Bernhard zu keiner Zeit in der Lage ist abzuschütteln, zu keiner Zeit findet der gewohnte Bernhardsche Sprachduktus Einzug in dieses Fragment. Jede kleinste Veränderung wird penibel dokumentiert, alles verläuft strikt strukturiert und chronologisch. Zu strikt, zu strukturiert, zu mühsam ist die Sprache, als dass Bernhards sprachliche Melodik zu irgendeinem Zeitpunkt aufkommen kann und auch die letzten Seiten, gehalten in manierlicher Bernhardscher Sprache können nicht für die Mühsal dieses kleine Werk anzufassen entschädigen.