Wenn es um Leistung geht…

von sophilos

Vergleichbarkeit als oberstes Ziel einer langjährigen Schulausbildung.

Die Zentralmatura rückt ebendiese Vergleichbarkeit in den Mittelpunkt und will so Arbeitgebern die Möglichkeit eröffnen, mögliche zukünftige Mitarbeiter besser und schneller einzuordnen. Was bereits seit längerem zu beobachten war, nimmt nun in der Zentralmatura seine explizite Form an: Bildung als Bildung an sich, als Wert für sich selbst, ist nicht länger ein im gesellschaftlichen Konsens geschaffener Wert.

Die Zentralmatura ist nur Ausprägung einer Tendenz unserer Gesellschaft Vergleichbarkeit herstellen zu wollen, wo keine Vergleichbarkeit möglich ist. Sind Noten und andere Behelfsmaßnahmen noch weitestgehend akzeptiert, so trifft der Plan einer Zentralmatura auf beachtlichen Widerstand. Zwar existiert ein gesellschaftlicher Konsens, dass es ohne Bildungsstandards nicht geht, doch die Zentralmatura, so auch Regierungsmitglieder, gehe einen Schritt zu weit: Der Lehrer werde entmachtet und in seiner Gestaltung des Unterrichts zu stark eingeschränkt, Literatur und allgemeinbildende Aspekte könnten verloren gehen.  Der Lehrplan werde sich schon bald nicht mehr mit Literatur und den verschiedenen Seiten einer Thematik befassen, sondern zunehmend auf Effizienz ausgerichtet und schlussendlich, nur zu einem Vehikel um den Schülern Lesekompetenz anhand von Gebrauchstexten und alltäglichen Situationen beizubringen. Literatur und ihre Fähigkeit zu Kritik, so befürchten Kritiker, könnten einer neuen Art von erzwungener Konformität weichen, während autokratische Systeme immer nach Literatur suchen, die ihre Politik unterstützt, sucht die demokratische Marktwirtschaft offensichtlich die Literatur als Ganzes zu eliminieren.

Schüler werden letztendlich in ihrer Fähigkeit zu Kritik und Selbstverwirklichung eingeschränkt, sie werden erzogen zum sprichwörtlichen „L’homme machine“. Frei nach marxistischer Theorie findet hier die Verdinglichung des Menschen statt, angesichts ökonomischer Zwänge muss dieser sich diesem Prozess beugen, seine Autonomie aufgeben und sich den Sachzwängen des kapitalistischen Systems unterwerfen. Die Zentralmatura mag in diesem Prozess der Verdinglichung nur die bisher expliziteste Form sein, sie ist schließlich nur Folge einer bereits laufenden Entwicklung, doch in ihr zeigt sich besonders, auf was diese Entwicklung hinausläuft: auf die Eliminierung von Kritik und Nonkonformismus.

Betrachten wir diese Entwicklung aus der Perspektive des Arbeitgebers, so ist die Zentralmatura auch hier kein adäquates Mittel, denn sie ist unzureichend, um Vergleiche zwischen zwei Kandidaten anzustellen. Wählen wir zufällig zwei Schüler aus, so sind die Unterschiede in ihrem Bildungsprofil zu groß, als dass eine standardisierte Abschlussprüfung Aufschluss über deren Leistungspotenzial geben könnte. Auch Schüler derselben Schule können nicht verglichen werden, verschiedene Lehrer vermitteln verschiedene Aspekte, vermitteln verschiedene Stile und verschiedene Bereiche in unterschiedlicher Intensität, mit unterschiedlicher Priorität, daran kann auch die Zentralmatura zunächst nichts ändern. Der Schüler mag noch formbar sein, doch der Lehrer als Mensch lässt sich als Variable nicht eliminieren. Erst nach langen Jahren würden sich die durch die Zentralmatura ausgelösten Veränderungen in voller Stärke auch im Bildungssystem wiederfinden. So scheitert die Zentralmatura auch in ihrem eigentlich heimischen Revier.

Die Zentralmatura scheint dementsprechend zu einem reinen Politikum verkommen zu sein, eine Alibi-Aktion um von den wahren Problemen abzulenken, eine Finte um die Öffentlichkeit zu täuschen. Die Politik ist zu Reformen gezwungen, doch anstatt sinnvolle Reformen durchzuführen, sinnvoll zumindest für eine von diesen betroffenen Parteien, wird reformiert ohne auf Effizienz, ja, auch ohne auf Vergleichbarkeit zu achten.