Quoten für mehr Gerechtigkeit?

von sophilos

Frauen in gehobenen Managementpositionen sind außerhalb staatsnaher Organisationen nur selten zu finden. Die Geschäftswelt ist männlich dominiert und wird es kurz- wie mittelfristig wohl auch bleiben. Die Quotenregelung wird daher von vielen als unvermeidbar angesehen, um den langgehegten Traum der Gleichberechtigung der Geschlechter endlich verwirklicht zu sehen. Doch sind Quotenregelungen, die nur dem Vorantreiben der Etablierung von Frauen im Business dienen, an sich schon wieder sexistisch und damit weder mehrheitsfähig noch allzu breit akzeptiert. Quotenregelungen sind dennoch ein wichtiges Mittel, um Gleichberechtigung gesellschaftsfähig zu machen, zu diesem Zweck wurde beispielsweise in Norwegen eine Geschlechterquote von 40 Prozent eingeführt. Diese gilt allerdings nicht für alle Bereiche innerhalb von Unternehmen und insbesondere nicht für reguläre Managementpositionen, sondern nur für Aufsichtsräte. Mithilfe dieser Maßnahme verfolgte die norwegische, interessanterweise konservative, Regierung weniger das Ziel, Frauen innerhalb kürzester Zeit in Toppositionen zu etablieren, vielmehr versuchten sie anhand dieser Regelung, allfällige Vorteile für die Unternehmen aufzuzeigen und damit hatte diese Gesetzgebung mehr einen symbolischen, weniger einen praktischen Charakter.

Weiters hatte es für angestellte Frauen eine enorm positive Folge: Frauen gewannen schnell an Akzeptanz, zuerst in den Aufsichtsräten und als Konsequenz, von oben nach unten gehend, auch in den durchschnittlichen Angestelltenpositionen. Eine Akzeptanz, die logischerweise dazu führte, dass Männer und Frauen nun weniger unterschiedlich bezahlt werden und Frauen, welche schon früh nach der Geburt des Kindes wieder anfingen zu arbeiten, nun weniger oft als schlechte Mütter bezeichnet wurden.

[…] Mütter können und wollen auch arbeiten. […] Es ist nicht so kompliziert, wenn es von staatlicher Seite Unterstützung gibt.

Was von Francoise Gri hier festgestellt wird, findet oftmals in der Diskussion um Quotenregelungen kein Gehör – der Frau muss es auch als Mutter möglich sein, schnell und reibungslos wieder im Berufsleben Anschluss zu finden. Rahmenbedingungen, die den Berufseinstieg für Frauen gar erst möglich bzw. derart einfach machen, wie für Männer, müssen erst geschaffen werden. Rahmenbedingungen z.B. frei verfügbare Kindergärten, sind Vorbedingung für die Etablierung des „zweiten“ Geschlechts am Arbeitsmarkt, als mehr als nur Teilzeitkraft. Mit diesen Rahmenbedingungen untrennbar verknüpft ist die Erkenntnis, dass Frau und Mann in ihrem sozialen Status gleich zu behandeln sind. Eine Erkenntnis, die zwar vermehrt in die Köpfe der Menschen dringt, letztendlich aber noch nicht unumstößlich zu sein scheint. Immer wieder wird implizit das Prinzip der Gleichberechtigung angegriffen. Auch wenn es im politischen Mainstream keine Diskussionen mehr darüber gibt, so sind die innerparteilichen Positionen nicht immer eindeutig, was dieses Thema betrifft.

Doch nicht nur in Politik und Medien sind alte Gesellschaftsbilder noch vorhanden, es liegt oftmals auch am Selbstbild der Frau, dass diese sich nicht in einer männlich dominierten Geschäftswelt durchsetzen können. Insbesondere in frühester Kindheit werden den Kindern immer noch die gleichen Rollen vermittelt, wie vor mehreren Dekaden. Nur langsam findet auch hier die notwendige Veränderung, die dringend benötigte Bewusstseinsbildung statt. Ein solcher Prozess, eine intragesellschaftliche Veränderung von diesem Ausmaß, verläuft selbst unter besten Voraussetzungen schleppend und wie sich in der derzeitigen Debatte um Lohnunterschiede nur allzu klar zeigt, sind diese idealen Voraussetzungen nicht gegeben. Hinter dem Deckmantel konservativer Einstellungen steht oftmals vor allem ein Machtkalkül; verständlicherweise haben Männer ein Interesse daran, den gesellschaftlichen Wandel in dieser Hinsicht zu unterminieren. Zu gefährlich könnten die weiblichen Netzwerke werden, zu gefährlich die Debatte um die gerechte Bezahlung weiblicher Teilzeitkräfte, könnte doch eine derartige Veränderung die Profitabilität des Handels senken. Eine Initiative zur Beseitigung gesellschaftlicher Ungleichbehandlung führt also zwingenderweise auch zu einem Hinterfragen des, immer schon, männlich assoziierten Kapitalismus. Dieses Hinterfragen ist allerdings kein zentraler Punkt solcher Initiativen, nicht nur, dass es nicht offen ausgesprochen wird, viele solcher Interessensgruppen sind Unterstützer des marktliberalen Systems.

Die Frage bleibt offen: Wie können angesichts schleppend vorangehender Reformen Gleichberechtigung und  -behandlung vorangetrieben werden? Bleibt schließlich nur die Quotenregelung als einzig umsetzbare Alternative? Bevor diese Frage eingehend behandelt wird, eine kurze Auseinandersetzung mit dem Begriff „Gerechtigkeit“ oder „Fairness“.

Wir sehen uns heute mit immer weitergehenden Verwendungen von Gerechtigkeit konfrontiert, während im antiken Griechenland nur Bürger, also volljährige freie Männer Anspruch auf sie hatten, hat sich der Begriff analog zum Begriff der Freiheit geweitet. Gerechtigkeit ist heute auch ein Prinzip der Gleichheit, jeder/jede hat als Mensch den Anspruch auf gleiche Behandlung. Wie kommt dieser Anspruch zustande? Rawls hat das Prinzip der Gerechtigkeit folgendermaßen hergeleitet: Man stelle sich einen „Schleier der Unwissenheit“ vor, ergo der Mensch weiß nicht, welches Geschlecht, welche Staatszugehörigkeit oder welches Vermögen er mit seiner Geburt erhält. In dieser Situation, mein Rawls, würde sich der Mensch eine Gesellschaft wünschen, in welcher er gleich seines Geschlechts und seiner Veranlagungen ein würdiges Leben vor sich hat, er würde also eine Gesellschaft wählen, in der nicht auf Grund solcher Dinge diskriminiert wird. Diese Gesellschaft ist damit eine gerechte oder faire Gesellschaft. Dieses Konzept, entwickelt in den 1960-er Jahren, ist bis heute innerhalb der politischen Philosophie nicht unumstritten, aber doch in seinen Grundzügen weitestgehend akzeptiert. So hat es auch in der westlichen Kultur Einzug gehalten und vielen Bürgerrechtsbewegungen als philosophisches Fundament gedient. Welche Folgen hat dieser Gerechtigkeitsbegriff auf die Forderungen nach einer Quotenregelung? Es lässt sich feststellen, dass eine allgemeine Quotenregelung diesem Prinzip nicht entsprechen kann, doch kann eine auf bestimmte Bereiche limitierte Quotenregelung gerechtfertigt werden? Die Politik wäre ein solcher Bereich, in dem eine derartige Regelung gerechtfertigt werden könnte, schließlich muss es das Ziel einer repräsentativen Demokratie sein, für ihre Bürger_innen zu sprechen und daher ist es kaum vertretbar, dass nur 27 Prozent der Vertreter_innen weiblichen Geschlechts sind. Ebenso leicht lassen sich natürlich Gegenbeispiele finden – am Bau beispielsweise wäre eine Quotenregelung vollkommen fehl am Platz, es ist ein Fakt, dass sich Männer für diesen Beruf, auf Grund ihres Körperbaus, eher eignen als Frauen.

Das Ziel ist klar: Gleichberechtigung. Der Weg dahin allerdings ist noch unbeschritten, hitzige Diskussionen und akademische Debatten ob der Sinnhaftigkeit einzelner Reformen scheinen unüberwindbar. Nur eines ist bereits jetzt mit Sicherheit zu sagen – der Pfad wird ein steiniger sein. Obwohl die gedanklichen Fundamente längst gegossen sind, wird angesichts von Einzelinteressen weitergestritten und so werden nicht nur Quotenregelungen blockiert. Unter all den Streitereien wird oftmals das zugrundeliegende Problem übersehen: Es kann keine Legislatur gebe, die mit einem Schlag die gesellschaftlichen Paradigmata umstößt und ersetzt. Menschen sind immun gegen allzu schnelle Veränderungen, Gewohnheiten und Rituale können nur mit der Zeit aufgebrochen werden. Konsequenterweise gilt es Ruhe zu bewahren und mit kleinen und größeren Schritten zu versuchen Rollenbilder und geschlechterspezifische Zuordnungen einer „gerechten“ Veränderung zu unterziehen. Quotenregelungen können durchaus als Teil eines solchen Reformvorhabens fungieren, doch sollten sie schlussendlich kein Werkzeug sein, Frauen in bestimmte Berufe zu drängen, sondern vielmehr als Reform mit Symbolcharakter wahrgenommen werden. Symbolcharakter, der die Bedeutung anderer Reformen nicht schmälert und nur als Ausgangspunkt für tiefergehende Änderungen dienen kann.