Auf die Sprache achten…

von sophilos

Probleme der Neurophysiologie

Neuronen unterscheiden sich von anderen Zellen durch ihre Form. Ihre Fortsätze werden in Dendriten (Baum) und Axone (Achse) unterteilt. Dendriten empfangen Signale, von Axonen hingegen geht die Erregung aus. Keine solche Nervenzelle gleicht einer anderen. Ihre Signale sind elektrischer Natur, bis sie ans Ende der Nervenfaser gelangen, den Zwischenraum überspringen sie auf chemische Weise. Man geht also sowohl von einem Ladungs-, als auch Stofftransport aus.

Die sprachlichen Mittel, mittels derer diese Vorgänge beschrieben werden, entstammen der Chemie und der Physik. Die Neurowissenschaften übernehmen ihre Termini und Methoden der Chemie und der Physik. Doch an dieser Stelle ist Vorsicht geboten. Denn die Erfolge der Fachbegriffe der Physik und Chemie, sei es Ladung, Strom oder Elemente, Moleküle und Verbindungen, verführen dazu, auszublenden, dass auch sie auf technischen und theoretischen Voraussetzungen aufbauen. All diese Termini sind keine Naturgegenstände. Sie verdanken ihre Existenz als Maßgröße immer bestimmten Messverfahren. Messverfahren sind ihrerseits wieder künstliche Produkte. Maßgrößen sind demnach keine natürlichen Eigenschaften natürlicher Dinge, sondern vielmehr sprachliche und sachliche Verhältnisse an technischen Produkten. Ähnlich verhält es sich in der Chemie: Der Student ist schon zu Anfang konfrontiert mit dem vorläufigen Endergebnis, in Form des Periodensystems. Er erlernt also die Chemie von ihrem Ende ausgehend, im Zuge dessen muss er dieses Ende als gültig akzeptieren. Dieser Akt des Glaubens schließt jede prinzipielle Infragestellung des chemischen Sprachspiels aus.

Die These, dass sich jeder Körper aus chemischen Elementen zusammensetzt, verdankt sich der Kunst des Aufteilens in einer chemischen Analyse. Es ist also unüberlegt zu sagen, etwas sei aus Teilen zusammengesetzt, weil man es aufteilen kann. Denn: Teil ist das Ergebnis einer Teilung. Zusammengesetzt sind Gegenstände also nicht aus Teilen sondern aus Komponenten (von lat. componere). Die chemische Analyse ist nicht immer umkehrbar zu einer Synthese. Auch die Chemie hat nicht mit Naturgegenständen zu tun, sondern verdankt ihr Wissen dem Verfügen mit Produkten, also Gegenständen die für einen spezifischen Zweck gebraucht werden.

Die Frage ist nun, ob die physikalische, chemische Objektsprache ausreicht um das Gehirn in seinen Funktionen zu beschreiben? Insbesondere durch den Sprung zur Neurophysiologie, also der Wissenschaft von der Funktion eines lebendigen Systems wird diese Frage immens wichtig. Kann also die Physiologie, als Wissenschaft vom Lebendigen, alleine vom Vokabular der Physik und Chemie „leben“? Die Sprache, um die Funktionen in und von Neuronen zu beschreiben, ergab drei Typen von Bezeichnungen: Eine alltagssprachliche Rede von „verantwortlich sein für“, „feuern“ und „reagieren“. Eine kybernetische Rede von Steuern und Regeln. Eine nachrichtentechnische Sprache von „Signal“, „Codieren“ und „Transkribieren“.

Übertragen wir das Reiz-Reaktion Prinzip der behavioristischen Psychologie auf die Neurophysiologie: Reiz, reizen ist verwandt mit „ritzen“. Es heißt also schädlich auf ein Lebewesen einzuwirken. „reizen“ kann sowohl positiv als auch negativ konnotiert sein, als „gereizt“ und „reizend“. Sowohl Brechreiz als auch Liebreiz beziehen sich darauf. Reiz ist weiterhin uneindeutig, als dass es sowohl äußerer Gegenstand, als auch Vorgang bezeichnet. Es ist wichtig Gegenstand und Vorgang auseinander zuhalten, bspw. reagiert nur eine lichtempfindliche Zelle auf einen Lichtreiz. Es entscheidet also die Reizbarkeit eines Gegenstandes ob etwas ein Reiz ist oder nicht.

„x ist ein Reiz für y bezüglich K“, wo K das Kriterium des Reizes nennt, als etwa „mechanisch“, „elektrisch“, „thermisch“, „optisch“, usw. (Janich 2009)

Es muss also immer der Wirkmechanismus angegeben werden und mithilfe eines Experiments belegt werden. Oft spricht man von einer Verschaltung der Neuronen. Diese Rede hat ihre Grenzen, schon alleine deswegen, weil sich elektronische Geräte, bei denen man von Schaltplänen spricht, nicht alleine umstrukturieren, wie es das menschliche Gehirn am Beginn des Lebens tut.

Alle Wissenschaft wird zwangsläufig sprachlich verfasst. Neurophysiologie ist eine Wissenschaft vom Menschen als Objekt und wird vom Menschen als Subjekt betrieben. Der Versuch der Einnahme einer objektiven Perspektive kann zu Verantwortungslosigkeit führen. Das Suchen nach dem Menschenbild in den Naturwissenschaften verfehlt schon im ersten Moment die Doppeldeutigkeit des Menschenbildes aufzulösen: Bild kann Abbild und Vorbild sein, kann also beschreiben, wie auch vorschreiben meinen.

Literaturverzeichnis 

Janich, P. (2009). Kein neues Menschenbild. Zur Sprache der Hirnforschung. Frankfurt: Suhrkamp.