Ursprünge des Science-Fiction Films II

von sophilos

Der phantastische Film in Deutschland

Während die Anfänge des Science-Fiction Films vor allem in Naivität schwelgten, wagte sich der deutsche phantastische Film mit dem Anbruch der zwanziger Jahre an neue Herausforderungen. Der französische Science-Fiction Film, mit seinem Fokus auf neue technische Möglichkeiten, wurde strikt abgelehnt und Alternativen zu diesem technokratischen Weltbild entworfen. Méliès und Konsorten spielten mit phantastischen Vorstellungen neuer Technologien und neuen Möglichkeiten, mittels dieser Technologie, natürliche menschliche Grenzen zu überwinden, der deutsche expressionistische Film verkörperte den diametralen Gegensatz dazu. Thema des expressionistischen Films war die Projektion der inneren Brüche zwischen dem Äußeren und dem Inneren. (Vgl. Seeßlen & Jung1: 85f.)

Die Welt ist so durchlässig geworden, dass ihr jeden Augenblick Visionen und Phänomene zu entströmen scheinen; unaufhörlich wandeln sich äußere Tatsachen in innere Erlebnisse um, unaufhörlich werden seelische Vorgänge exteriorisiert. (Lotte H. Eisner zitiert nach Seeßlen & Jung1 2003: 86)

Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg war nicht nur der Nationalismus der Deutschen in Frage gestellt worden, auch die bürgerliche Hierarchie und Gesellschaft fand sich in einer unsicheren Situation. Das Bürgertum, das glaubte sich die Welt zu Eigen machen zu können, fand sich nun in einer Welt voller Unverständnis und unbegreiflicher Wendungen. In dieser Situation wurde der deutsche expressionistische Film geboren, um das Wahnsinnige und Dämonische an dieser Situation auszudrücken. Nicht selten wurden phantastische Elemente in Filmen dieser Zeit benutzt, um diese Situation aufzulösen, um am Ende der Narrative doch noch davon sprechen zu können, den Wahn und das Böse aus der Welt treiben zu können, wenn nur die Umstände dies zuließen. Die Grenzen zwischen dem Science-Fiction Film und dem Fantasy Film verschwimmen im deutschen Expressionismus, viele ursprünglich der Science-Fiction entstammende Themen werden märchenhaft behandelt: So erscheint der mad scientist, eine der bestimmenden generischen Charaktere, als Magier, der sich mithilfe von Technologie mythischen Ritualen widmet. (Vgl. Lang 1927)

Der deutsche Science-Fiction Film nimmt bereits vorweg, was in Zukunft zu eine der Grundregeln des Genres werden sollte: Was an Ungeheurem von der Gesellschaft geschaffen wird, dass muss auch wieder zerstört werden. Eine friedliche Koexistenz des Schaffenden und des Erschaffenen scheint nicht möglich zu sein. Die Erschaffung eines solchen Unbekannten mithilfe von wissenschaftlichen Methoden, sollte das erste Mal in HOMUNCULUS von 1916 thematisiert werden. Homunculus ein künstlich geschaffener Mensch, geschaffen vom genialen Wissenschaftler Professor Hansen und dessen Assistenten Rodin, ist ein idealtypischer Mensch. Doch nachdem er erfährt, dass er selbst kein Mensch, ja nur Produkt eines Menschen ist, beginnt er sich von der Gesellschaft zu distanzieren, fühlt sich einsam und verlassen, nicht fähig zu dem was für ihn der Kern des Menschseins ist: Liebe. Auf seinen Reisen sucht er eine Gesellschaft, die ihn akzeptiert oder zumindest nichts von seiner Künstlichkeit weiß. Doch als ihm dies nicht gelingt und er von den Menschen als Machwerk des Teufels verstoßen wird, wandelt er sich zu einem rachsüchtigen Diktator, der sich zuerst als Agitator ausgibt, um das Volk zu Aufständen aufzuhetzen, um ihm danach in der Rolle des Tyrannen, die seiner Meinung nach, gerechte Strafe widerfahren zu lassen. (Vgl. Seeßlen & Jung1 2003: 88f.)

Das Thema der Erschaffung eines besseren Menschen durch wissenschaftliche Methoden, war zu der damaligen Zeit sowohl in der Wissenschaft als auch in der Politik Inhalt reger Diskussionen. Diskussionen, die schließlich ihren Höhepunkt in der Machtübernahme der Nationalsozialisten und deren perfider Auslegung von genetischer und rassistischer Ideologie mündeten. Die Identität des Einzelnen als Ergebnis einer Blutsverwandtschaft, einer Familienzugehörigkeit stand zur Debatte, der künstliche Mensch war nicht nur Herausforderung für Politik und Wissenschaft, sondern auch für Theologie und Ethik, sowie die hierarchische Organisationsstruktur der patriarchalischen bürgerlichen Gesellschaft.

Der künstliche Mensch tritt auch in Langs bahnbrechendem Werk METROPOLIS auf, dem im späteren Verlauf dieses Kapitels eine Fallstudie gewidmet ist: Maria, ein Roboter, wird in diesem Fall zum Werkzeug der machthabenden Elite, um – wie es auch schon in HOMUNCULUS passierte – das Proletariat aufzuhetzen, um dann mit aller Härte, durch den drohenden Aufstand legitimiert, zurückzuschlagen. (Vgl. Lang 1927)

Nur ein Jahr später produzierte Lang seinen zweiten und letzten Science-Fiction Film FRAU IM MOND. Dieser Film wurde von Lang in zwei Teilen produziert: Der erste Teil handelt von der Vorgeschichte des Starts einer Rakete, deren Ziel der Mond ist. Teil zwei spielt nach der erfolgten Landung der Rakete auf dem Mond. Interessant ist der Gegensatz der zwei Teile. Während die Reise sowie die Konstruktion und der Start der Rakete wissenschaftlich überaus präzise und den Kenntnissen der Zeit entsprechend behandelt wurde, so handelt der zweite Teil auf einem Mond, der in seiner Realisierung kaum unwissenschaftlicher sein könnte. Die Protagonisten landen auf dem Mond, nur um dort unterirdische Grotten auf der Suche nach Schätzen zu durchwandern. Die technische Präzision der Darstellung der Rakete ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Lang Oberth und Ley, beides führende Raketenwissenschaftler ihrer Zeit, als technische Berater engagierte. Oberth sollte später Teil der Nazi-Kriegsmaschinerie werden und Ley den Amerikanern in ihren Forschungsprogrammen zur Verfügung stehen. (Vgl. Seeßlen & Jung1 2003: 94 )

Mit dem Aufkommen des Tonfilms flaute die Ära sowohl des deutschen Expressionismus als auch des deutschen Science-Fiction Filmes ab. Das Albtraumhafte am Unbekannten und die Verstörung durch neue technische Möglichkeiten, also der Zukunftspessimismus, wichen einer positiven Einstellung gegenüber Technologie und den möglichen technischen Entwicklungen der Zukunft. Ein erstes Exemplar dieser neuen Gattung des deutschen Science-Fiction Films ist F.P. 1 ANTWORTET NICHT von 1932. Ein Jahr später folgte DER TUNNEL und im Jahr 1934 folgte der Film GOLD. GOLD markierte einen weiteren Wendepunkt des deutschen Science-Fiction Kinos, denn mit ihm war auch die Ära der technokratischen Zukunftsvorstellungen zu Ende. Obwohl ein technokratischer Pioniergeist der nationalsozialistischen Ideologie durchaus gelegen hätte kommen können, verschwand mit der verstärkten Einflussnahme der NSDAP auf die Filmproduktion alles Phantastische aus dem deutschen Film. (Vgl. ibid.: 95ff.)