Ursprünge des Science-Fiction Films III

von sophilos

Russlands Phantastik

Die Phantastik, obwohl in Literatur und anderen Kunstformen häufig anzutreffen, spielte im russischen Film eine bisweilen nicht-existente bis untergeordnete Rolle. Obwohl der Marxismus mit seinem utopischen Moment ein perfekter Nährboden hätte sein können, entwickelte sich der russische Film nicht dementsprechend. Nur in der Frühzeit der Sowjetunion war es dem Publikum möglich, russische Science-Fiction zu rezipieren. Auch in diesen frühen Werken des russischen Kinos war allerdings der Tenor vor allem, dass die Gesellschaft nicht in einen phantastischen Zustand, also in eine Utopie gewandelt werden kann, sondern vielmehr im Hier und Jetzt durch revolutionäre Handlungen verändert werden muss. So gesehen bspw. in AELITA von 1924. AELITA gilt vielen als eines der wichtigsten Werke des russischen Science-Fiction Films. (Vgl. Seeßlen & Jung1 2003: 98)

Der junge Ingenieur Losj ist seines irdischen Lebens überdrüssig und entschließt sich eine Rakete zu bauen um dem Alltag zu entkommen und den Mars, von dem er Signale empfing, zu bereisen. Aelita, die Prinzessin des Mars, hat bereits ein Auge auf den Protagonisten geworfen. Als Losj entdeckt, dass ihn seine Frau betrügt, erschießt er sie und flieht kurzerhand zu seiner Rakete, mit der er, begleitet von einem Soldaten der Roten Armee, der ein enthusiastischer Revolutionär ist, und einem Polizisten, der ihn wegen des Mordes an seiner Frau sucht, zum Mars fliegt. Dort treffen sie auf König Tsukub und dessen Tochter Aelita. Doch vom intriganten Kanzler zum Aufenthalt in den Höhlen, in welchen die Marsianer ihre Sklaven halten, gezwungen, müssen sie einen Weg finden, eine Revolution auf den Weg zu bringen. Diese scheitert jedoch, nachdem sie von Aelita zum Zwecke persönlicher Machtübernahme verraten wird. In diesem Augenblick des Schocks für den Protagonisten, der sich in Aelita verliebt hatte, erwacht er in Moskau. Die Narrative, so stellt sich heraus, war nur ein Traum und Losj zerstört die Rakete und alle Pläne; die sowjetische Gesellschaft muss Hoffnung genug sein. (Vgl. Telotte 2001: 83f.)

AELITA, entstanden nach dem Roman „Zakat Marsa“ von Alexei Tolstoi, ist einer der wenigen Filme dieser Zeit, die auf propagandistischen Pomp und Ideologie verzichten, stattdessen ist der Film von einer naiven Parteinahme bestimmt und sowohl Gut als auch Böse werden klar gezeichnet, was diesen Film insbesondere von den Versuchen des deutschen Science-Fiction Kinos unterscheidet. AELITA ist auch deswegen ein Meilenstein, nicht nur des russischen Kinos, weil versucht wurde, kubistische Malerei und auch Plastik in das Medium Film zu übertragen. Zudem zeigt er bereits einige archetypische generische Elemente des Science-Fiction Films: ein heroischer Protagonist, schöne Frauen, fremde Wesen und verblüffende, innovative Spezial Effekte. (Vgl. Seeßlen & Jung1 2003: 98f.)

Das russische phantastische Kino fand in AELITA seinen Höhepunkt, mit dem Stalinismus und dem heraufziehenden Krieg gegen Deutschland wurde der sowjetische Science-Fiction Film marginalisiert bis zu einem Punkt, an dem er aus politischem Kalkül komplett ausgelöscht wurde. Erst zu Beginn der sechziger Jahre sollte sich das Glück wenden und der sowjetische Science-Fiction Film doch noch Geltung finden. (Vgl. ibid.: 100)