Ursprünge des Science-Fiction Films IV

von sophilos

Die Anfänge des Science-Fiction Films: Amerika

Die Anfänge des amerikanischen Science-Fiction Films lassen sich bis ins Jahr 1908 zurückverfolgen, als Sidney Olcott erstmals die literarische Vorlage des „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ adaptierte. 1910 entstand die erste Adaption des FRANKENSTEIN und 1913 die erste Adaption des DRACULA. Der amerikanische Science-Fiction Film war zu dieser Zeit noch nicht bereit, sich von seinen literarischen Vorlagen zu emanzipieren und so muten die frühen amerikanischen Science-Fiction Filme mehr wie Theaterinszenierungen an und können bei weitem nicht mit jener Genialität und Kreativität aufwarten, wie sie Méliès schon Jahre zuvor zu Schau stellte. Folgerichtig genoss die amerikanische Science-Fiction nicht das höchste Ansehen und auch beim Publikum waren die europäischen Alternativen beliebter. Im Gegensatz zum europäischen Kino genoss das gesamte phantastische Kino keinen guten Ruf und so kam es zu einer Dominanz des Realismus. Ähnlich wie in Russland sah man das Wünschenswerte nicht in der Sehnsucht nach Abenteuern und Reisen im Reiche der Phantasie, sondern in der gegenwärtigen Gesellschaft, welches als heroisch genug für den Menschen dargestellt wurde. (Vgl. Seeßlen & Jung1 2003: 100)

Das Phantastische, das ein wenig immer auch das Dekadente, ja das Kranke schien, repräsentierte eher die alte als die neue Zeit, das „Europäische“ für das amerikanische, das „Bürgerliche“ für das russische Publikum. (ibid.: 100)

Die wenigen phantastischen Reisen, die der amerikanische Film zu dieser Zeit herausbrachte, waren bestimmt davon, dass sie alle einen guten Ausgang nahmen und bereits von Anfang an mit einer sicheren Wiederkehr der Protagonisten zu rechnen war. Der erste eigenständige Science-Fiction Film Amerikas ist A TRIP TO MARS von 1910, inszeniert von Edwin S. Porter, der auch THE GREAT TRAIN ROBBERY von 1903, den ersten Western, gedreht hatte. Wie es auch mit dem Western zuvor geschah, stellte sich das Science-Fiction Genre im amerikanischen Produktionsmodus als ideal geeignet für Serials heraus. In einer solchen Form wurde vor allem die Auseinandersetzung zwischen dem mad scientist und dem heroischen Protagonisten immer wieder aufgenommen und in seiner Bedeutung betont. Der mad scientist fand seinen ersten Auftritt 1918 im von Thomas Mills inszenierten THE SEAL OF SILENCE. Die phantastische Reise, das bestimmende Thema der europäischen Science-Fiction, wurde in den Serials nicht zu einem bestimmenden Motiv, Space Operas im heutigen Sinne hatten noch nicht existiert. (Vgl. ibid.: 102)

Den Startpunkt für die Entwicklung eines eigenständigen Science-Fiction Film Amerikas markierten der deutsche Horror-Fantasy Hybrid DAS CABINET DES DR. CALIGARI von 1920, sowie weitere expressionistische Filme Deutschlands. Durch diesen Einfluss war absehbar, in welche Richtung sich das amerikanische Science-Fiction Kino entwickeln würde: Die pessimistische Seite setzte sich gegen den Glauben an eine technokratische Utopie durch. (Vgl. ibid.: 102)

Trotz der deutlich sichtbaren Verwandtschaftsbeziehung des deutschen und des amerikanischen Science-Fiction Films lassen sich doch einige entscheidende Unterscheidungen finden: Während der deutsche Science-Fiction Film die Bedrohung immer als von innen stammende annahm, fand der amerikanische Science-Fiction Film die Ursache für Grauen und Schrecken in der Ausnahme, im deutschen Kino brodelt die Bedrohung schon in allen Individuen, im amerikanischen ist dagegen ein spezifisches Individuum als Auslöser dafür verantwortlich. (Vgl. ibid.: 103)

Im Gegensatz zum amerikanischen Horror Film vermochte es der amerikanische Science-Fiction Film in dieser Periode nicht seine Figuren und Botschaften zu entwickeln, der amerikanische Science-Fiction Film blieb in seinen Aussagen zumeist betont vage (etwa indem technische Entwicklungen betont komödiantisch dargestellt wurden oder nur als Zusatz in einem ansonsten generischen Abenteuer Film dienten). (Vgl. ibid.: 105)