Ursprünge des Science-Fiction Films V

von sophilos

Dreißiger und vierziger Jahre

Für den Science-Fiction Film ist nicht nur die technologische Entwicklung einer Gesellschaft eine bedeutende Veränderung, auch politische Spannungen und Ideologien finden ihren Weg in den Science-Fiction Film. Doch ist es für den Protagonisten im Science-Fiction Film meist wünschenswert oder gar die einzige gegebene Möglichkeit, auf politische Fragen unpolitische Antworten zu finden. Unpolitisch insofern, als der Einzelne nicht politischem Kalkül entsprechend handelt, sondern seinen eigenen Wünschen entsprechend. Zu Beginn der dreißiger Jahre dominieren vor allem pazifistische Botschaften die politische Ideologie des Science-Fiction Films, speziell der britische Science-Fiction Film verleiht dieser Sehnsucht nach Frieden vermehrt Ausdruck, bspw. in HIGH TREASON von 1929, THE TRANSATLANTIC TUNNEL von 1935 oder THE SECRET OF THE LOCH von 1934. Für den britischen Science-Fiction Film fungierte vor allem der gefeierte, renommierte Science-Fiction Autor H.G. Wells als Quelle der Inspiration. So wurde 1936 eine seiner Geschichten zu THE MAN WHO COULD WORK MIRACLES adaptiert. In diesem Film gelangt ein kleiner Angestellter, mithilfe von Außerirdischen, zu der Macht, Naturgesetze nach seinem Belieben außer Kraft zu setzen. Doch als in ihm, von den Kräften geweckt, die Machtgelüste erwachen, führt er die Erde beinahe in ihre Apokalypse und kann schließlich nur von jenen Fremden gestoppt werden, die ihm vormals diese Kräfte zugestanden hatten. Ebenfalls 1936 erschien der bahnbrechende britische Science-Fiction Film THINGS TO COME. Bahnbrechend auch, weil er sich stark gegenüber bisherigen Versuchen die Zukunft zu skizzieren und vor allem METROPOLIS distanzierte, denn METROPOLIS im speziellen sei eine  (Vgl. Seeßlen & Jung1 2003: 106ff.)

Vereinigung nahezu jeder möglichen Dummheit, Klischee, Plattheit und Kuddelmuddel über technischen Fortschritt überhaupt, serviert mit einer Sauce von Sentimentalität. (ibid.: 108)

THINGS TO COME war auch deshalb bahnbrechend, weil an ihr H.G. Wells direkt als Drehbuchautor beteiligt war, was eine Premiere für den inzwischen für seine politischen Romane bekannten Science-Fiction Autor darstellte. THINGS TO COMEs Narrative beginnt im Jahr 1940, als John Cabal, ein Wissenschaftler, die Menschen davor warnt, dass „wenn wir den Krieg nicht beseitigen können, wird der Krieg uns beseitigen“ (ibid.: 108). Schon bald attackieren feindliche Bomber die Stadt Everytown und es folgt ein Krieg, der sich über mehrere Dekaden hinweg zieht, derweil entwickelt sich die Menschheit zurück zu den Barbaren, von denen man damals annahm, dass man abstamme. 1970 hat ein Mann die Macht an sich gerissen und regiert wie ein feudalistischer Fürst, der Krieg findet auch nun kein Ende, denn dieser Mann fordert von jedem Menschen den Kampf bis zum Tode durch den Feind. In der Zwischenzeit ist eine Seuche unter den Menschen ausgebrochen, bekannt als „das wandernde Übel“, welches jeden Befallenen in geistloses Getier verwandelt. Eines Tages erscheint John Cabal wieder in Everytown, und als er aus dem Luftschiff steigt, verbreitet er eine Botschaft des Friedens und der Sicherheit. Allerdings lässt ihn der Kriegsherr für solche Worte in den Kerker werfen, aus dem er nur mithilfe anderer Wissenschaftler, Mitglieder der sogenannten “Wings over the World-Airmen“ entkommen kann. Zahlreiche fliegende Objekte erscheinen über Everytown und versprühen Betäubungsgas, welches auch dazu führt, dass der Kriegsherr einen grausamen Tod erleidet. Schlussendlich übernehmen die Wissenschaftler die Macht in Everytown und machen sich daran, eine neue Gesellschaft aufzubauen, ohne Krieg und ohne militärische Konflikte. 2036 schließlich ist der Neuaufbau der Stadt vollendet und die Menschen leben in endlosem Wohlstand, doch schon tut sich die nächste Gefahr für die Gesellschaft auf: Theotocopulus, ein Bildhauer und bedeutender Künstler, wendet sich mit den Künstlern der Stadt gegen die Politik, die ein bedingungsloses Vorantreiben des technologischen Fortschritts vorsieht, und meint, der Mensch solle sich wieder vermehrt der Natur zuwenden, der er entstammt. Doch letztlich ist der Widerspruch der Rebellen zwecklos und die Projekte der technokratischen Gesellschaft werden erfolgreich durchgeführt. (Vgl. ibid.: 108-111)

THINGS TO COME verleiht zwei bedeutenden Aspekten des Science-Fiction Films der dreißiger Jahre Ausdruck: auf der einen Seite der Angst vor einer durch einen erneuten Krieg herbeigeführte Apokalypse, auf der anderen Seite der Hoffnung, der Mensch könnte durch technologischen Fortschritt seine kriegerische Natur überwinden und so nicht nur den Krieg, sondern auch alle sozialen Widersprüche aus der Welt schaffen. Noch hatte der Science-Fiction Film nicht den Zusammenhang zwischen Technologie und Kriegstreiberei für sich entdeckt, diese Annahme war für den Science-Fiction Film der dreißiger Jahre undenkbar. Paradoxerweise findet die technokratische Utopie ihre visuelle Entsprechung in einer beinahe romantischen Kinematographie: Die Phantasie der Filmschaffenden obsiegt dem kühlen Funktionalismus Wells‘. Oft werden die Protagonisten in Räumen gezeigt, die zwar von ihnen geschaffen sind, die auszufüllen sie aber nicht in der Lage sind, es ist diese visuelle Widersprüchlichkeit, die einen entscheidenden Kontrapunkt zu Wells‘ Gesellschaftsutopie als Ansammlung von Widerspruchslosigkeit setzen wird. Gezeigt wird hier der grundsätzliche und nicht zu überwindende Widerspruch der positivistischen Science-Fiction als Kunstform, der alles Künstlerische suspekt und fremd ist. (Vgl. Telotte 2001: 84f.)

In Amerika steht im Gegensatz zum europäischen Science-Fiction Film keine Botschaft im Vordergrund, sondern ein archetypischer Charakter: der mad scientist, dessen bösartiges Handeln bereits früh Thematik des amerikanischen Science-Fiction Films wurde, nun aber das Science-Fiction Kino in vorher nicht zu erwartender Art und Weise dominierte. Der mad scientist im amerikanischen Kino verfolgte allerdings nicht das Ziel, sich durch technologische Übermacht die Kontrolle über die Menschheit zu sichern, vielmehr war der Weg sein Ziel. Dem mad scientist geht es um das Experimentieren und das Manipulieren von Leben. Bekanntes Beispiel ist Dr. Frankenstein des 1931 erschienen FRANKENSTEIN. Dieser setzt aus Leichenteilen ein menschenähnliches Monster zusammen, um es dann mithilfe eines Stromstoßes zum Leben zu erwecken. Im selben Jahr erschien auch DR. JEKYLL AND MR. HYDE. Hier experimentiert der viktorianische Wissenschaftler Dr. Jekyll an sich selbst, um das Böse im Menschen, dass im viktorianischen Zeitalter allzu gerne auf das Tierische im Menschen zurückgeführt wurde, zu entfernen. Doch dieser Versuch hat eine unzufrieden stellende Nebenwirkung für Dr. Jekyll, nach Einnahme seiner Medizin spaltet sich eine Persönlichkeit von ihm ab, die des animalischen Mr. Hyde, dessen Wirken rein von jenen tierischen Trieben bestimmt wird, die Dr. Jekyll ursprünglich besiegen wollte. Der Charakter des mad scientist reflektiert stark die puritanisch geprägte Ethik des Amerikas des frühen 20. Jahrhunderts: Der mad scientist steht hier für den Menschen, der nicht bereit ist, sich mit der Schöpfungsgeschichte abzufinden und darauf beharrt, selbst zu schaffen. In diesem Kontext erscheint es schließlich nur logisch, dass diese Wissenschaftler meist durch ihre eigenen Geschöpfe ihr Ende finden. Was den mad scientist zu einem Teil des Science-Fiction Films macht, ist sein inneres Streben nach einer Gesellschaft, in der seine Taten akzeptiert oder zumindest toleriert werden, also sein Langen nach einer Utopie, in der sich seine Anlage, und sei sie noch so pathologisch frei, zeigen darf. (Vgl. Seeßlen & Jung1 2003: 114ff.)

1933 erscheint ein weiteres wichtiges Werk des Science-Fiction Films, welches auf den Charakter des mad scientist rekursiert: THE INVISIBLE MAN. In diesem Film wird ein Thema behandelt, welches sich immer wieder auf der Agenda des Science-Fiction Genres findet – ein Wissenschaftler findet eine Formel, mit deren Hilfe er unsichtbar werden kann, der Effekt ist allerdings unumkehrbar und so ist er gezwungen, sich mit seiner neuen Form abzufinden. Das Serum hat allerdings noch eine weitere Konsequenz: Auch die Persönlichkeit des Protagonisten wird verändert, der unsichtbare Mann wird zur unsichtbaren Gefahr. Als sich die Polizei auf die Jagd nach dem inzwischen verrückt gewordenen Wissenschaftler beginnt, ist dieser längst nicht mehr aus seinem Zustand zurückzuführen, und so passiert folgerichtig jenes, das allen mad scientists widerfahren muss: Der unsichtbare Mann stirbt. (Vgl. ibid.: 118f.)

Mit dem kommerziellen Misserfolg der ambitionierten Produktion THINGS TO COME ging ein Aufschwung der B-Movies einher, Science-Fiction Filme gegen Ende der dreißiger Jahre sind vor allem eines: günstig in der Produktion. So entwickelt sich das anspruchsvolle Science-Fiction Kino des Beginns der dreißiger Jahre zu einem kruden Spektakel, der Druck der Kommerzialisierung war schlussendlich zu stark, als dass sich teure und aufwändige Produktionen wie THINGS TO COME durchsetzen konnten. Der krude Science-Fiction Film hatte eine Erfolgsformel gefunden, die ihm zumindest kommerziellen Erfolg bescherte, die Formel des mad scientists erwies sich als konstant erfolgreich und leicht zu variieren, und so war dieser Charakter auch als Konstante der vierziger Jahre gefestigt. (Vgl. ibid.: 120f.)

Die vierziger Jahre sahen die Perpetuierung des Erfolgsmodells des mad scientist, doch auch dieser einstige Erfolgsgarant konnte dem Science-Fiction Film nicht den notwendigen kommerziellen Erfolg garantieren, der notwendig gewesen wäre, um neue Produktionen rechtzufertigen, und so kam es schließlich dazu, dass während der vierziger Jahre im Allgemeinen und des Zweiten Weltkriegs im Speziellen, die Produktion von Science-Fiction Material fast vollständig zum Erliegen kam. Glorreiche Ausnahme dieser Regel ist DR. CYCLOPS, der 1940 in den Kinos Amerikas anlief. Dr. Thorkel arbeitet in einer abgelegenen Hütte mitten im Amazonas an einer unglaublichen Erfindung: Sein Ziel ist es eine Technologie zu entwickeln, mit deren Hilfe er Menschen auf einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe schrumpfen lassen kann. Zum Zweck des Austestens seiner Erfindung lädt er einige seiner Kollegen ein, die vollkommen ahnungslos sind, was nun über sie ergehen soll. Doch schon geschrumpft, können seine Kollegen fliehen, und als Dr. Cyclops ihnen kurzerhand in den Wald folgt, besiegelt er seinen Untergang. Er beschließt, sie mithilfe eines Feuers zu töten, doch als er sie tot glaubt, sind sie in Wahrheit noch am Leben und folgen ihm zurück zu seiner Hütte, wo sie, als er bereits eingeschlafen ist, seine Brille zerstören und ihn so effektiv blenden. Der nun beinahe Blinde wird von seinen Kollegen zu einem Minenschacht gelockt, der ihm dazu diente, radioaktives Material für seine Erfindungen zu gewinnen. Der Doktor stürzt in den Minenschacht und in den Tod. (Vgl. ibid. 122ff.)