Science-Fiction Film der fünfziger Jahre oder Die goldene Ära

von sophilos

They’re here already! You’re next! You’re next, You’re next…! (Siegel 1956)

Die fünfziger Jahre markieren einen Wendepunkt in der Geschichte des Science-Fiction Films, während der Science-Fiction Film in den letzten Jahrzehnten an Geltung verlor, sollte er nun zu noch nie dagewesenen Höhen streben und letztendlich elementares Ausdrucksmittel einer Gesellschaft werden, die, hin- und hergerissen zwischen dem Guten und dem Bösen, nach dem Ausdruck dieses Gefühls sucht. Wie ein Schock kam für den Menschen die Erkenntnis, dass man nun in der Lage war, eigenmächtig nicht nur sich selbst auszulöschen, sondern auch alles Leben auf dem Planeten. Der Science-Fiction Film reagierte auf dieses Dilemma auf zweierlei Art: Einerseits wurde der Mensch auf evasiven Reisen ins Weltall gezeigt, die Furcht vor der Zerstörung der Zivilisation sollte also dadurch gemildert werden, dass der Mensch in seinem Fortschritt nicht nur die Technologie erwerben würde, um sich selbst zu zerstören, sondern auch dazu, sich selbst zu retten. Zum anderen zeigte sich die Furcht vor dem Anderen, vor der Zerstörung oder auch Unterwanderung in den mannigfaltigen Invasionsfilmen der Zeit, wobei die Invasoren erstens im Besitz von Massenvernichtungswaffen sind und  sich zweitens zu keiner Kommunikation oder gar Verhandlungen bereit zeigen. Einher mit solchen Visionen ging eine Versachlichung der Genres, Dinge die vormals als phantastisches Element nicht notwendigerweise erklärt wurden, bedurften nun einer Erklärung, und so suchte das Science-Fiction Kino der fünfziger Jahre seine Visionen immer als Ergebnis einer klaren Kausalität zu präsentieren. Dies war ein bedeutender Grund für die Überhandnahme von parallelen Welten, die nicht mehr utopisch waren, sondern in ihrem Setting tief in der Gegenwart verwurzelt und oftmals nur durch ein einziges Ereignis von der Außenwelt getrennt waren. (Vgl. Seeßlen & Jung1 2003: 137)

Weltkrieg wurde zu kaltem Krieg und so war auch das Gefühl der Bedrohung immer vorhanden. Mehr noch, dieses Gefühl des Bedrohtseins verliert im Vergleich zur klar auszumachenden Bedrohung durch Nazis und Japaner an Profil, an Schärfe, sie wurde schwerer festzumachen, was zu einer regelrechten Neurotisierung weiter Teile der amerikanischen Bevölkerung führte. Der McCarthyismus, von dem wir heute noch oft sprechen, war ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber einer Bedrohung, die diffus ist und doch immer klar auszumachen. Es war auch ein Ziel der Science-Fiction Filme der fünfziger Jahre diese Spannungen zu thematisieren und der Angst vor dem Fakt, dass selbst ein langjähriger Freund oder ein treuer Nachbar, ein kommunistischer Spion sein konnte, Ausdruck zu verleihen. Zu diesem Zwecke vermochte der Science-Fiction Film den inneren Druck der Gesellschaft auf eine fremde Gesellschaft zu projizieren, die „da draußen“ ihren Kampf gegen das Böse führt. Oft wird auch die menschliche Gesellschaft als einer fremden Macht ausgesetzt gezeigt. (Vgl. ibid.: 137)

Ein wichtiger Punkt für das Auferstehen des amerikanischen Science-Fiction Films im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg war die Tatsache, dass es wieder möglich war, mit Science-Fiction Filmen kommerzielle Erfolge zu erzielen. Als Reaktion auf das größer werdende Interesse an Technologie innerhalb der amerikanischen Bevölkerung, die die machtpolitischen Auswirkungen des Abwurfs der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki folgend aus einer technologischen Überlegenheit dem Feind gegenüber einzuschätzen wussten, gelang es den Filmen, die von einer Evasion oder Ausbreitung des Menschen ins Weltall handelten, ein breiteres Publikum zu erschließen.

1950 sollte sich als das Jahr ebendieser Filme herausstellen und dem damaligen Science-Fiction Film damit wieder neues Leben einhauchen: 1950 wurden sowohl ROCKETSHIP X-M, als auch DESTINATION MOON veröffentlicht. Beide sind voneinander grundverschieden und doch nahmen sie denselben Ausgangspunkt. Sowohl ROCKETSHIP X-M, als auch DESTINATION MOON handeln von dem Traum des Menschen, andere Welten zu kolonialisieren, doch während ROCKETSHIP X-M, wohl auch auf Grund des sehr beschränkten budgetären Spielraums humoristisch mit dem Thema umging, war DESTINATION MOON ein ernsthafter Versuch einer Auseinandersetzung mit einem möglichen Mondlandungsszenario. Um eine solche Seriosität zu erhalten, stellte George Pal, Regisseur von DESTINATION MOON, Oberth an, denselben Raketenwissenschaftler, den bereits Lang für DIE FRAU IM MOND für sein Filmteam rekrutierte. Doch DESTINATION MOON ist vielmehr als nur eine Reise zum Mond in höchster Detailgenauigkeit – DESTINATION MOON gilt bis heute als einer der Science-Fiction Filme, der sich als beinahe militaristische Propaganda etablierte. In DESTINATION MOON wird mehrmals ausdrücklich darauf hingewiesen, dass eine Eroberung des Mondes durch die Vereinigten Staaten für die freie Welt von außerordentlicher Bedeutung sei. Das Establishment in DESTINATION MOON verfolgt den langfristigen Plan, die Ressourcen des Mondes, sowohl natürliche als auch menschengeschaffene, in Form von Raketenabschussbasen, gegen den Feind zu richten. Der Zweck der Reise zum Mond besteht also darin, eine Form der Kontrolle über einen ansonsten nicht kontrollierbaren Feind auszuüben. (Vgl. Dirks 2011)

Die beginnenden fünfziger Jahre waren allerdings nicht nur die Ära der Massenhysterie und gesellschaftlichen Neurose in Form von Angst vor Unterwanderung, eine andere Angst war präsenter in den Köpfen der Menschen. Als 1947 die erste UFO Hysterie die Vereinigten Staaten erfasste, war zumeist nicht von Außerirdischen die Rede, sondern von Geheimwaffen der Sowjets, manches Mal auch von Superwaffen der Amerikaner, die unbeabsichtigt der Öffentlichkeit zuteil wurden. (Vgl. Seeßlen & Jung1 2003: 139) Heraussticht innerhalb jener Filme, die diese Thematik behandelten, THE THING FROM ANOTHER WORLD von 1951. THE THING FROM ANOTHER WORLD erzählt die Geschichte der Entdeckung eines schwarzen Blockes Eis, welcher in sich eine außerirdische Lebensform birgt. Diese Lebensform gelangte nach dem Crash des Raumschiffs des Aliens in die Arktis; um dort zu überleben, verharrte sie bis zu ihrer Entdeckung in einem tiefschlafähnlichen Zustand. Anfangs können sich Wissenschaftler und Militärs nicht einigen, ob die Kreatur besser zu töten sei oder doch besser als Forschungsobjekt am Leben erhalten werden sollte. Doch nachdem es ihr gelingt auszubrechen und einen Teilnehmer der Expedition nach dem anderen zu eliminieren, entschließen sich die verbleibenden Überlebenden, die Kreatur mit allem zu bekämpfen, was ihnen an Waffen zur Verfügung steht. Trotz der Übermacht der Lebensform sind einige Wissenschaftler immer noch davon überzeugt, dass die Kreatur ein ideales Forschungsobjekt wäre und sie daher keinesfalls zerstört werden dürfe, doch als auch der letzte Wissenschaftler von der Kreatur getötet wird, schlägt die letzte Stunde des Aliens und es wird durch einen Hochspannungsstromschlag zu Asche verbrannt. Die Schlussworte des Protagonisten lauten bezeichnenderweise: „Watch the skies! Keep watching the skies!“ (Nyby 1951)

Die Invasion durch Fremde sollte während der gesamten fünfziger Jahre ein immer wieder genutztes generisches Element des Science-Fiction Films bleiben, viele der Science-Fiction Klassiker dieser Zeit sind Variationen dieser Thematik. So auch die bis heute als große Werke des Science-Fiction Kinos angesehenen INVASION OF THE BODYSNATCHERS und THE DAY THE EARTH STOOD STILL, welche später einer genaueren Analyse unterzogen werden, sowie THE WAR OF THE WORLDS, der vor allem dadurch an Bedeutung gewinnt, dass er erstmal nicht nur die USA von der Invasion betroffen zeigt.

Der Invasionsfilm sollte auch den billig produzierten und dennoch von der Kritik mit Wohlwollen aufgenommenen THE BLOB von 1958 hervorbringen. THE BLOB sticht hervor ob seiner humoristischen Auslegung der Thematik, die zumindest teilweise auf das stark beschränkte Budget zurückzuführen ist, aber auch explizit von den Autoren eingebaut wurde. THE BLOB wurde so zu einem Kultklassiker des Invasionsfilms, nicht zuletzt auch wegen des Auftritts des späteren Hollywoodstars Steve McQueen. (Vgl. Seeßlen & Jung1 2003: 156)

Neben der Invasion durch äußere Gefahren fürchteten die Menschen die Folgen der radioaktiven Strahlung, welche den Atombomben-Tests folgte. Auch diese unterschwellige Furcht fand ihre Entsprechung im Science-Fiction Film, heute sind Filme solcher Thematik bekannt als Mutant Creatures/Monsters Cycle. Im Gegensatz zu den Invasoren von fremden Welten waren diese Kreaturen die direkte Folge menschlichen Handelns und des Handelns wider die Natur. Monster-Filme waren vor allem auch Ausdruck der Kritik an den politischen Zuständen, die ein solches Experimentieren erlaubten, doch angesichts des enormen Drucks zur Konformität dieser Zeit konnte sich der Monster-Film nie abschließend negativ über solche Experimente äußern, was er allerdings tat, war das Militär und die Wissenschaft, welche die Bedrohung erst auslösten, als fähig zur Auflösung ebendieser Bedrohung zu zeigen. Es ist dies eine Folge der Angst davor, kein „guter Amerikaner“ zu sein, die zu dieser Zeit noch wesentlich dominanter war als die Angst vor der Zukunft. Vor allem der low-budget Science-Fiction Film zeigte sich von der Entwicklung des Monster Films erfreut, und so sind viele dieser Filme krude B- oder C-Movies. Nichtsdestotrotz sind auch hier einige gut rezipierte Werke zu finden. Bestes Beispiel für einen Monsterfilm ist THEM!. THEM! beginnt, wie für die damalige Zeit üblich, mit einer langen Einleitung, in der eine normale Realität etabliert wird (ähnlich wird auch bei INVASION OF THE BODY SNATCHERS vorgegangen werden), um schon kurz darauf ein fremdes und bedrohliches Element einzuführen, in diesem Fall ein Mädchen, welches traumatisiert nur die Worte „Them! Them!“ hervorbringt. Zunächst erscheinen auch die plötzlich auftretenden Todesfälle als unglückliche Verkettung von Ereignissen, doch mit der Zeit sammeln sich Indizien dafür, dass es möglicherweise doch nicht mit rechten Dingen zugeht. So holt man einen Wissenschaftler in die Kleinstadt mitten in der Wüste, um die Spuren zu analysieren und den Bewohnern der Stadt mit Antworten dienlich zu sein. Es stellt sich heraus, dass die Angreifer riesige Ameisen sind, die ob der Atombombentests in der umliegenden Wüste zu Monstern mutierten. Das Militär wird als letzte Hoffnung herbeigezogen die Stadt doch noch zu retten, die Monster können allerdings auf ihrem zerstörerischen Weg erst in den Abwässerkanälen San Franciscos unschädlich gemacht werden. THEM! zeigt, wie auch andere Monster Filme, die Schutzbedürftigkeit des Einzelnen und die Notwendigkeit sich für die Gemeinschaft zu opfern. Die Bevölkerung wird über das Fernsehen darauf hingewiesen, dass ihre Sicherheit davon abhänge, ob sie den Anweisungen des Militärs Folge leiste. (Vgl. Seeßlen & Jung1 2003: 168)

Beliebtes Thema für den Science-Fiction Film der fünfziger Jahre war auch die Katastrophe als Prüfung, die dem Menschen widerfährt. So gesehen in ON THE BEACH von 1959, wobei dieser Film eine besondere Rolle innehat, zeigt er doch den Menschen in einer Situation, die nicht seine Überlebensfähigkeit, sondern vielmehr seine Fähigkeit, in einer aussichtslosen Situation seine Menschlichkeit zu bewahren, auf den Prüfstand stellt. (Vgl. Dirks 2011) Doch der Science-Fiction Film der fünfziger Jahre war noch nicht bereit, die sozialen Implikationen solcher Katastrophen in ihrem vollkommenen Umfang zu akzeptieren; dass die Bedrohung von der Gesellschaft selbst ausgehen könnte, war für den Science-Fiction Film noch ein Tabu. Ersichtlich wird dies am Umgang mit George Orwells Roman 1984, welcher 1955 verfilmt wurde. In der Verfilmung wird darauf verzichtet, das grauenhafte Element der Gesellschaft zu zeigen, und stattdessen konzentriert sich der Film auf die individuelle Revolte der zwei ProtagonistInnen, und so wird dieser Film im Gegensatz zu Orwells Roman, welcher die Perfektion der Diktatur und die Banalität des menschlichen Lebens in einer Welt ohne Ziele darstellte, zu einer „sentimentalen Betrachtung der Ohnmacht des einzelnen“ (Seeßlen & Jung1 2003: 197).

Die fünfziger Jahre waren eine Dekade des kommerziellen Erfolges des Science-Fiction Films und so war es nur logisch, dass sich Hollywood schon bald an höherbudgetierte Filme heranwagen sollte. Filme wie THIS ISLAND EARTH und FORBIDDEN PLANET waren für die damalige Zeit herausragende Werke des Science-Fiction Kinos, sowohl ob ihrer Komplexität, als auch ob ihrer Spezialeffekte, die nicht nur das Science-Fiction Genre revolutionieren sollten. Doch kommerzieller Erfolg, im Sinne des Gewinneinbringens, blieb ihnen verwehrt und so sollten solch ambitionierte Projekte noch länger auf ihren Durchbruch warten. Ambitioniert waren THIS ISLAND EARTH und FORBIDDEN PLANET vor allem dadurch, dass sie das Fremde, welches dort draußen entdeckt wird, nicht als das Böse, sondern anthropomorphisiert darstellen, die fremde Zivilisation wird von den gleichen Problemen geplagt wie die unsrige, und so dient der Science-Fiction Film hier erstmals zur Reflexion eigenen Verhaltens anhand der Probleme von außerirdischen Zivilisationen. (Vgl. Seeßlen & Jung1 2003: 176f.)