Don Siegel „Invasion of the Bodysnatchers“

von sophilos

In my practice, I’ve seen how people have allowed their humanity to drain away. Only it happened slowly instead of all at once. They didn’t seem to mind… All of us – a little bit – we harden our hearts, grow callous. Only when we have to fight to stay human do we realize how precious it is to us, how dear. (Siegel 1956)

Ein unfertiges Duplikat

Ein unfertiges Duplikat

Dr. Miles Bennell, Hausarzt in der fiktionalen Kleinstadt Santa Mira, ist mit einer großen Anzahl an Patienten konfrontiert, die ihre Geliebten nicht mehr als solche erkennen, sie vielmehr als Eindringlinge identifizieren. Auch seine ehemalige Geliebte und nunmehrige Patientin Becky Driscoll versichert ihm, dass ihre Kusine Wilma solche Gefühle für ihren Onkel Ira hat. Vorerst bleibt Bennell ruhig, denn der ansässige Psychiater versichert ihm, dass dies nur eine epidemische Massenhysterie sei. Doch schon bald entdeckt er mithilfe seines Freundes Jack Belicec, dass die Einwohner Santa Miras tatsächlich durch perfekte Duplikate ersetzt werden. Diese Duplikate erwachsen manngroßen pflanzenartigen „Pods“ und sind äußerlich und von ihren Erinnerungen nicht zu unterscheiden, wären da nicht ihre fehlenden Emotionen. Schnell wird klar, dass es das Ziel der Duplikate ist, die gesamte Menschheit durch solche Simulacra zu ersetzen. Als Bennell und Driscoll versuchen vor den Duplikaten zu fliehen und Außenstehende von den Ereignissen zu informieren, werden sie gezwungen sich zu verstecken. Versteckt sind sie sicher, solange sie wach bleiben, doch Driscoll ist nicht in der Lage wach zu bleiben und so wird auch sie von einem Duplikat  ersetzt. Vor den Duplikaten flüchtend kommt Bennell schließlich zu einem Highway, wo er seine Furcht vor den Duplikaten mit Schreien kundtut, um so die Aufmerksamkeit der vorbeifahrenden Motorradfahrer zu erlangen. Als verrückt gehandelt wird Bennell von der Polizei verhaftet und in eine Klinik gebracht – die Polizisten können es kaum glauben, als die Geschichte Bennells bestätigt wird, als nach einem Unfall ein Truck geöffnet werden muss und in diesem Pods gefunden werden. Zuletzt informieren die Beamten das FBI, doch es bleibt unklar, ob die Bedrohung noch rechtzeitig gestoppt werden konnte. (Vgl. Siegel 1956)

You're next!

You're next!

Während unzählige „B-Pictures“ dem von Senator McCarthy geschürten Kommunistenhass im Gewand der Vernichtung feindseliger Aliens das Wort redeten, porträtierten wenige Ausnahmen […] die Außerirdischen als friedliebende Besucher. Don Siegels Klassiker liegt irgendwo dazwischen. Er schafft es, die Angst vor einer kommunistischen Unterwanderung zu dokumentieren und gleichzeitig zu kritisieren. (Friedrich 2007: 96)

In Anlehnung an die Schlaflosigkeit Macbeths bei Shakespeare war ursprünglich „Sleep no more“ als Titel von INVASION OF THE BODYSNATCHERS eingeplant, doch im Gegensatz zu Macbeth, der ob seiner Untaten in der Nacht kein Auge mehr zubekommt, ist die Schlaflosigkeit hier die einzige Chance, die Invasion aufzuhalten; nur wer wach bleibt, kann sich selbst treu sein, kann seine Menschlichkeit bewahren. Don Siegel, Regisseur von INVASION OF THE BODYSNATCHERS, betonte immer wieder seinen Film nicht als Allegorie auf den paranoiden Antikommunismus der fünfziger Jahre angelegt zu haben, stattdessen hätte er einfach einen spannenden Film drehen wollen. Diese Aussage des Regisseurs muss allerdings mit Vorsicht genossen werden, zu radikal war sein ursprünglich geplanter Plot: Bevor das Studio intervenierte und doch noch ein Quasi-Happy-End verlangte, war es Siegels Absicht, den Film mit der berühmt gewordenen Szene auf dem Highway enden zu lassen, und die Worte „You’re next!“ als Aufforderung an das Publikum, auf seine eigene Rolle in der Geschichte der amerikanischen Paranoia zu reflektieren, stehen zu lassen.

Doch auch das vom Studio verkappte Ende ändert nichts daran, dass die Botschaft des Films sich klar von jenen anderen Invasionsfilmen der fünfziger Jahre distanziert, die keinen Gedanken daran verschwendeten, ihre oftmals militaristischen oder zumindest konformistischen Botschaften zu relativieren. INVASION OF THE BODYSNATCHERS geht zwar nicht soweit wie THE DAY THE EARTH STOOD STILL und portraitiert die Außerirdischen als friedliche Besucher, doch gelingt es INVASION OF THE BODYSNATCHERS die Angst vor dem Kommunismus zu dokumentieren, was gelingt, da die Etablierung der Charaktere semi-dokumentarisch bearbeitet wird, und gleichzeitig auch Kritik an dieser Angst zu äußern. (Vgl. Friedrich 2007: 94ff.)

Der amerikanische Individualismus, das grundsätzliche Demokratieverständnis des Amerikaners wird angegriffen und ersetzt durch einen Uniformismus, der einhergeht mit dem Verlust aller menschlichen Gefühlsregungen. Die Ausbreitung der Außerirdischen erfolgt ohne das Wissen der Menschen, das Saatgut ist versteckt und hinterlässt am Umgewandelten keinerlei Spuren, es gleicht damit dem kommunistischen Gedankengut, vor dem sich der Durchschnittsamerikaner der Zeit so fürchtete. Die Menschen sind beinahe die Gleichen, ihre Erinnerungen sind immer noch vorhanden, was fehlt sind Empathie und die Essenz der menschlichen Existenz: Gefühle. Mit der zunehmenden Bedrohung verändern sich Licht- und Kameraeinstellungen, schreckliche Erkenntnis für Erkenntnis wird das Bild düsterer, die Einstellungen werden dem Film Noir immer ähnlicher, das Spiel mit Schatten und Licht nimmt zu. Im Laufe des Films verkehren sich die Machtverhältnisse: Am Ende müssen sich Menschen davor fürchten an ihren Emotionen für Menschen erkannt zu werden.

Don Siegel sah den Konformismus und das geregelte unhinterfragte Leben der fünfziger Jahre als Inspiration für die Umsetzung des Romans von Jack Finney. Er erzählte in einem Interview davon, wie ihn seine Mitmenschen an die Außerirdischen erinnern, die Mitmenschen, die jeden Tag ihrer Arbeit nachgingen um dann die Abende mit der Familie vor dem Fernseher zu verbringen. Siegel meint, dass dies wahrer Uniformismus sei – ein Leben ohne Visionen und Träume – der amerikanische Traum vom Vorstadtleben wird hier zur Dystopie. (Vgl. Friedrich 2007: 104f.)[1]


[1] Interessanterweise wird sich das Remake von 1978 der amerikanischen Illusion des aufgeklärten Stadtbürgers widmen und damit wiederum die zur Zeit des Films am höchsten Angesehene Lebenswirklichkeit analysieren.