Ridley Scott „Blade Runner“

von sophilos

I don’t know why he saved my life. Maybe in those last moments he loved life more than he ever had before. Not just his life – anybody’s life; my life. All he’d wanted were the same answers the rest of us want. Where did I come from? Where am I going? How long have I got? All I could do was sit there and watch him die. (Scott 1982)

Los Angeles im November 2019: In der Stadt herrscht dauernder Regen, Schmutz und Überbevölkerung sind allgegenwärtig. Tiere sind fast ausgestorben und nur als teure künstliche Replikas erhältlich. Den Menschen wird ein besseres Leben auf fremden Welten versprochen, jenen Welten, die durch so genannte „Replikanten“ erschlossen wurden. Diese sind äußerlich nicht mehr von natürlich geborenen Menschen zu unterscheiden, verfügen allerdings über übermenschliche Kräfte und entwickeln im Laufe ihres Lebens eigene Gefühle und beizeiten eine eigene Identität. Sie werden daher mit einer auf vier Jahre begrenzten Lebensdauer ausgestattet, und um sie besser kontrollieren zu können, werden ihnen künstliche Erinnerungen eingesetzt. Replikanten ist es unter Androhung der Todesstrafe verboten, die Erde auch nur zu betreten. Für die Durchsetzung dieses Verbotes sind die Blade Runner verantwortlich. Als einige Replikanten der hoch entwickelten Serie Nexus-6 auf die Erde fliehen, wird der ehemalige Blade Runner Rick Deckard eingeschaltet. Er soll die Replikanten in den Ruhestand versetzen, also eliminieren. Im Laufe seiner Ermittlungen trifft Deckard die bei der Tyrell-Corporation arbeitende Rachael und findet heraus, dass auch sie, ohne es zu wissen, eine Replikantin ist. Deckard eröffnet ihr schonungslos die Wahrheit darüber und über ihre gefälschten Erinnerungen, worauf sie verstört und verletzt reagiert. Deckard aber verliebt sich in sie und beginnt an der Berechtigung seines Auftrags zu zweifeln.

Unterdessen versuchen die flüchtigen Replikanten unter Führung von Roy Batty und mit Hilfe des kranken und unwissenden J. F. Sebastian in die Tyrell-Corporation einzudringen: Sie fordern, dass ihnen ein längeres Leben geschenkt wird. Doch als Roy erkennt, dass selbst Tyrell sein Leben nicht verlängern kann, tötet er ihn und Sebastian. Beinahe von einer Replikantin überwältigt, kann Deckard diese doch noch ausschalten und als ein weiterer Replikant auftritt, kommt ihm Rachael zur Hilfe. Als nächstes eliminiert Deckard die letzte Gefährtin Roys Pris, woraufhin sich Deckard und Roy einen dramatischen Zweikampf liefern. Roy gewinnt, doch er rettet dem auf der Flucht von einem Hochhausdach abrutschenden Deckard das Leben, ehe seine eigene Zeit abgelaufen ist und er selbst sterben muss. Es bleibt offen, ob die Flucht gelingt, ob Rachael leben wird und auch, ob Deckard selbst ein Replikant ist, bleibt unklar. (Vgl. Scott 1982)

Roy rettet Deckard das Leben

Roy rettet Deckard das Leben

Der Film, der auf der Handlungsebene einem eher einfachen und klar strukturierten Muster folgt […] eröffnet bei genauerer Betrachtung vielschichtige Bedeutungsebenen, die vor allem zahlreiche Reflexionen über die neuzeitliche Realitätsauffassung und den damit verbundenen Humanitätsbegriff zulassen. (Will 2007: 387)

Schon in der ersten Szene wird das Hauptmotiv des Films klar: Die Schwierigkeit der Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine. Denn das Bewusstsein der Maschinen ist hier nicht mehr Programmierfehler, es ist unausweichliche Folge eines Prozesses, der die Schöpfung eines perfekten Ebenbildes des Menschen zum Ziel hat. Die Boshaftigkeit, die wir in der ersten Szene, als Leon Kowalski, ein etwas grobschlächtiger Replikant, entlarvt wird, erleben, ist nur Ausdruck eines Überlebenskampfes, den auch der Mensch bestreiten würde.  Die vier Replikanten, die auf die Erde gekommen sind, suchen nach einer Möglichkeit, ihr beschränktes Leben zu verlängern, ihr Bedürfnis nach Leben wird auch klar, wenn man sieht, wie sie sich an eine persönliche Geschichte und Identität klammern, die zu einem großen Teil gefälscht ist. Sie sammeln Fotografien und halten zusammen wie ein Familienverbund, all dies tun sie, um der Menschlichkeit näher zu sein, die ihnen doch auf Grund ihrer auf vier Jahre beschränkte Lebenszeit immer verwehrt bleiben muss. Die Replikanten sind aus Fleisch und Blut und so ist es auch für einen Blade Runner nicht moralisch einwandfrei, sie „in den Ruhestand zu versetzen“. Sie sind ebenso verletzlich wie ihre menschlichen Schöpfer, sie fühlen und streben, sie existieren als Subjekte. Im Gegensatz zur Ausganssituation, in der die Replikanten als bösartig hingestellt werden, erweisen sich die Blade Runner als gefühlskalt und gnadenlos. Während der Mensch sich angesichts einer verrohten Welt immer weiter mechanisiert, humanisieren sich die Maschinen. Interessant ist, wie man Replikanten zu erkennen versucht: Der Voight-Kampf Test ist nichts anderes als ein Lügendetektor, der die emotionale Reaktion eines Menschen oder einer Maschine misst. Es wird also die Gleichgültigkeit, die Emotionslosigkeit der Maschine gerade dadurch getestet, dass man in ihnen Emotionen auszulösen versucht.

Im Laufe des Films wird die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine immer schwieriger zu treffen, wie auch am Protagonisten Deckard klar wird, der sich schließlich in die Replikantin Rachael verliebt. Die Minderwertigkeit der „skin jobs“ genannten Replikanten ist schlussendlich nicht mehr als ein rassistisches Vorurteil, wie es anno dazumal auch gegenüber andersfarbigen gerne ausgesprochen wurde. Als Legitimation für das Töten von Replikanten dient Deckard das Mittel der Reduktion des Replikanten zu einem leblosen Objekt, sein eigenes Empfinden der Minderwertigkeit des Anderen ist ihm Beweis genug, um die Tötung vorzunehmen. Rick Deckard leitet sich unübersehbar von Rene Descartes ab, Vater der rationalistischen Philosophie. Wie auch Descartes nimmt Deckard nur das als wahr an, was sich einwandfrei erkennen lässt, nichtsdestotrotz tötet er denkende Wesen; Deckard widerspricht also sich selbst in seinem Handeln. Ausgerechnet Pris, eine der vier Replikanten, versichert sich mithilfe von Descartes Ausspruch „Ich denke, also bin ich“ immer wieder ihrer eigenen Existenz. (Vgl. Will 2007: 387-391) Als sich Deckard schließlich in Rachael verliebt, muss er die Divergenz seiner Einstellung bereinigen, nun wird auch ihm klar, dass Replikanten zu einem Denken fähig sind. Er erkennt nun, dass die Rollen, die er und die Replikanten innerhalb der Gesellschaft einnehmen, essentiell die gleichen sind: Ihre Existenzberechtigung ist innerhalb der Gesellschaft nur solange gegeben, wie sie produktiv arbeiten.

Ein wichtiges Motiv des Films sind die Augen, doch im Gegensatz zum Augenmotiv Hoffmanns in seiner Erzählung „Der Sandmann“ ist hier nicht die Seelenlosigkeit des künstlichen Menschen sofort erkennbar. In BLADE RUNNER sind die Augen nur ein rein äußerliches Unterscheidungsmerkmal, und so sind zwar die Augen von Mensch und Maschine verschieden und damit auch ihr „Fenster zur Welt“, sie bleiben also als letztes Unterscheidungsmerkmal zwischen Schöpfung und Schöpfer bestehen. Doch alles, was sich im Inneren der Replikanten abspielt, ist letztlich zutiefst menschlich. So sind letztlich die Unterschiede, die die Augen des Menschen und der Maschine voneinander trennen, Hinweis darauf, dass Realität nicht objektiv überprüfbare Tatsache, sondern subjektiv zu erfahren ist. Die Feststellung, dass alle Wahrnehmung genauso gut Trugbild sein könnte, wird schließlich das Auge von einem Werkzeug der Erkenntnisgewinnung umdeuten zu einem Symbol menschlicher Arroganz. Schlussendlich ist auch der Vatermord Roys an Tyrell ein Akt der Blendung: Tyrells Augen werden von Roy zerdrückt. (Vgl. Will 2007: 393f.)

Die Blendung Tyrells

Die Blendung Tyrells

Schließlich wird auch die Schlusssequenz des BLADE RUNNER die objektive Sicht des Menschen verneinen. Die Verfolgung Roys durch Deckard endet auf einem Dach, doch Roy nötigt Deckard, einen Sprung von Dach zu Dach zu vollführen, den er nicht schaffen kann. Als sich Deckard an einen vorstehenden Balken klammert, entscheidet Batty sich dazu, ihn nicht fallen zu lassen, ihn nicht hinunterzustoßen, stattdessen rettet er ihm das Leben. Die Schöpfung rettet ihren Schöpfer, die Maschine wird in einem Akt der Menschlichkeit zu einer postmodernen Hyperidentität. Sie ist in ihrem Handeln menschlicher als der Mensch selbst. In Roys Akt der Menschlichkeit findet auch Deckard sein Menschsein wieder, er erkennt, dass die Frage nach einer objektiven Realität hinfällig ist und wendet sich seiner subjektiven Wahrnehmung zu, wie schussendlich auch durch sein Zusammenkommen mit Rachael, von der er weiß, dass sie kein Mensch ist, ersichtlich wird.

Eine ungewisse Zukunft

Eine ungewisse Zukunft