Science-Fiction Film als Mainstream: Totenstarre oder Wiederauferstehung?

von sophilos

It’s too bad she won’t live. But then again, who does? (Scott 1982)

The thing called science fiction that we do with literature will always be with us. The genre we’ve called science fiction since about 1927, maybe not so much. That’s something to do with the nature of genres, though, and nothing to do with the nature of science fiction. (Gibson 2008)

Der Science-Fiction Film des neuen Millenniums setzt fort, was bereits in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts begann, der Fokus liegt auf dem Menschen und den mehr oder weniger unmittelbaren Problemen, die sich in der Interaktion mit seinen Produkten ergeben. Prominente Filme, die diese Thematik aufgreifen, sind A.I. ARTIFICIAL INTELLIGENCE (2001) und MINORITY REPORT (2002). Interessant ist, dass kaum Filme ihren Handlungsort nicht auf der Erde haben, prominente Ausnahme neben den neuen STAR TREK und STAR WARS Filmen finden sich nur schwer, wie bspw. SERENITY (2005), oder sind kommerziell und von der Kritik nicht gut aufgenommen und haben es daher nur spärlich in europäische Kinosäle geschafft, wie RED PLANET und MISSION TO MARS (beide 2000). Die Schöpfer-Schöpfung Thematik war jedoch nicht die einzige, die die erste Dekade des 21. Jahrhunderts bestimmte: In den ersten Jahren war ein Boom der Superhelden Filme zu beobachten.

Das neue Millennium ist allerdings noch ein anderer Übergang: Ein Übergang von der Frage, ob man kann, zu der Frage, ob man soll. Nicht die Technologie oder gar die Möglichkeiten, die eine Technologie eröffnen kann, stehen zur Diskussion, vielmehr wird die Frage nach einer neuen Ethik gestellt. In einem Zeitalter, da wir beginnen, den Menschen auf einer naturwissenschaftlichen Ebene zu verstehen, wie es bisher nicht für möglich gehalten wurde, z.B. auf der Ebene der DNA, ist diese Frage, was man mit den neuen Erkenntnissen tun soll, unausweichlich. Zumeist passiert dieses Fragen allerdings im Nachhinein, der Mensch kreiert unbeirrt von möglichen Komplikationen und muss nachher feststellen, dass seine Schöpfung möglicherweise nicht in seinem eigenen Interesse ist. Filme, die diese Materie behandeln, sind inzwischen nur allzu häufig – dieses Fragen ist auch bei vorher erwähnten A.I ARTIFICIAL INTELLIGENCE und MINORITY REPORT festzustellen – wobei viele von ihnen als Genre-Hybride auftreten und ihre Science-Fiction Elemente zunehmend in den Hintergrund treten lassen, um dem Menschen, dem Charakter, Platz zu geben sich zu entwickeln.

Dies ist eine weitere Tendenz des neuen Science-Fiction Films, der Science-Fiction Film verliert seine Begrenztheit, und Kreative, die bisher von der Idee einen Science-Fiction Film zu drehen, abgeschreckt waren, können sich nun mit den Konzepten des Genres anfreunden. Genre-Hybridität hat sowohl in Mainstream als auch in Independent-Filmen zugenommen, generische Grenzen werden beliebig aufgebrochen, verändert und umschifft. Doch Genre-Hybridität meint nicht nur, dass sich der Science-Fiction Film mit Elementen anderer Genres durchsetzt, sondern auch, dass andere Genres auf Motive und generische Elemente des Science-Fiction Films Rekurs nehmen. Diese Filme sind zwar oftmals rein generisch dem Science-Fiction Genre zuzuordnen, sind in ihrer Inszenierung aber häufig weit von anderen Science-Fiction Filmen entfernt, denn sie verwenden die Science-Fiction Motive nur, um eine Geschichte zu erzählen, die auch anderweitig hätte erzählt werden können, wenn auch nicht derart allegorisch. Science-Fiction Elemente werden eben auch verwendet, um die Narrative von der derzeitigen Gesellschaft abzuheben und ihr somit einen Status als Allegorie zu geben.

Dies führte im Science-Fiction Film zu einigen interessanten Versuchen: ETERNAL SUNS-HINE OF THE SPOTLESS MIND (2004) ist der Versuch, eine romantische Komödie mit Science-Fiction Elementen zu vereinen und gilt als hervorragendes Beispiel der neu gewonnen Genre-Hybridität im Science-Fiction Film. Außenseiter Joel Barish und Freigeist Clementine Kruczynski treffen einander in einem Zug, unerklärlicherweise verstehen sie sich sofort blendend miteinander. Doch sie waren bereits einmal in einer Beziehung, nach zwei Jahren ging die Beziehung allerdings in die Brüche und Clementine heuerte Lacuna, Inc. An, um ihre Erinnerungen der Beziehung zu löschen. Joel ist ob der Tatsache, dass sich Clementine die Erinnerungen hat löschen lassen, am Boden zerstört und um einer Depression zu entkommen, lässt er dieselbe Prozedur auch über sich ergehen. Während seine Erinnerungen im Schlaf gelöscht werden, durchlebt er diese rückwärts noch einmal; als er sieht, wie glücklich Clementine und er waren, will er den Prozess stoppen, will zumindest diese schönen Erinnerungen behalten, doch er kann den Prozess nicht aufhalten und so werden langsam seine Erinnerungen an Clementine gelöscht. Während der Nacht in der Joels Erinnerungen gelöscht werden, sehen wir die Mitarbeiter von Lacuna. Patrick, ein Techniker von Lacuna, hat sich dazu entschieden, sich mit Clementine zu verabreden und die Erinnerungen von Joel zu benützen, um herauszufinden, wie er gut an sie herankommen kann. Mary, eine Lacuna Sekretärin, hatte eine Affäre mit Dr. Howard Miezwiack, dem verheirateten CEO. Doch sie hat keine Erinnerung an die Beziehung, denn nachdem die Affäre aufgedeckt wurde, ließ die Frau des CEO Marys Erinnerungen an die Beziehung löschen. Als Mary dies herausfindet, entschließt sie sich dazu, die unternehmensinternen Aufzeichnungen über die Klienten an die Klienten zu verschicken. Kurz nachdem sie sich im Zug wiedertrffen, erhalten Joel und Clementine die Aufzeichnungen von Lacune, sie reagieren geschockt, hatten sie doch keinerlei Erinnerungen an eine solche Prozedur. Joel versucht nun Clementine davon zu überzeugen, dass ihre Beziehung einen anderen Weg nehmen könnte als beim ersten Mal, doch Clementine ist von der Unausweichlichkeit einer Trennung überzeugt. Nichtsdestotrotz entscheiden sich die beiden, ihrer Beziehung eine Chance zu geben und ein neues Leben zusammen zu beginnen.

Serenity - Die Zukunft als Western

Serenity - Die Zukunft als Western

Genre-Hybridität lässt sich auch an anderen Beispielen festmachen, so zeigt SERENITY nach langer Zeit einmal mehr einen Science-Fiction Western Hybrid. Science-Fiction und Western, das sind zwei Genres, die einen ähnlichen thematischen Unterbau haben.

[…] augenscheinlich kann das [Science-Fiction] Genre mühelos die alten Western-Klischees integrieren, die vom Öffnen neuer Grenzen durch große, hagere, wetterharte („raumharte“) Männer handeln, die drohende Colts (Strahlenkanonen) schwingen und den Indianern (den Außerirdischen) das Land nehmen (Seeßlen & Jung1 2003: 35)

Doch SERENITY ist mehr als nur ein Western versetzt mit Science-Fiction Elementen, es ist gleichzeitig satirische Behandlung der klassischen Western und die Geschichte von sozialen Außenseitern. SERENITY ist insofern ein postmoderner Film, als dass er sich nicht scheut, verschiedenste Genres in seinen Filmtext zu integrieren; wir finden in den Reavers alte Vorstellungen des Horror-Genres, wir sehen einen Western, eine Verschwörung der Regierung und Cyberpunk Elemente. All dies entstand auf Basis einer Serie. FIREFLY hat sich heute als eine der wenigen Science-Fiction Serie auch bei Kritikern etabliert, musste aber einen viel zu frühen Tod sterben, als FOX sie nach nicht einmal einer Staffel absetzte.

Hier gelangen wir zu einem weiteren interessanten Punkt des neuen Science-Fiction Films: Nicht nur, dass sich Science-Fiction als Genre in intimere Beziehungen mit anderen Genres begibt, als Teil der Mainstream-Kultur ist der Advent der Science-Fiction als Serie eine logische Folge. Das letzte Jahrzehnt sah eine große Zahl an neuen Science-Fiction Serien, die von der Mainstreamwerdung des Science-Fiction Films profitieren wollten, unter den erfolgreichsten finden sich BATTLESTAR GALACTICA, DOCTOR WHO, EUREKA, FIREFLY, FRINGE, FUTURAMA, HEROES, LOST, ODYSSEY 5, STAR TREK: ENTERPRISE, STARGATE ATLANTIS, STARGATE SG:1, STARGATE UNIVERSE, SURVIVORS, TERMINATOR: THE SARAH CONNOR CHRONICLES, THE VISITORS uvm. Science-Fiction in Serienform dominiert das amerikanische Fernsehen förmlich, kein Sender, der nicht seine eigene Science-Fiction Serie in Produktion hat.

Doch zurück an den Ausgangspunkt des Kapitels: Das verstärkte Fragen nach dem Sollen innerhalb des Science-Fiction Films und die breitere Verfügbarkeit von Filmen, angetrieben durch die fortschreitende Digitalisierung sowohl der Produktion, als auch der Vermarktung, hat es auch dem Independent-Film möglich gemacht anspruchsvolle Science-Fiction nicht nur zu produzieren, sondern auch daraus Profit zu generieren. Der Independent-Film ist nicht zuletzt auch ein Ausgleich zu einem von Effekt-Kino dominierten Mainstream. Es ist dieses Effekt-Kino, das mit ein Grund für die Mainstreamwerdung des Science-Fiction Films ist, neue Technologie wird und wurde auch in der Vergangenheit bereits mithilfe von Science-Fiction Filmen vermarktet. Aktuellstes Beispiel ist sicherlich der 3D-Film, welcher ohne Mithilfe von AVATAR (2009), dem bis dato kommerziell erfolgreichsten Film aller Zeiten, kaum diese Aufmerksamkeit genossen hätte. AVATAR ist perfektes Beispiel des Effekt-Kinos und wird daher noch in einer Fallstudie analysiert werden. Weitere Beispiele solcher Mainstream Science-Fiction Filme sind SURROGATES (2009), THE BOOK OF ELI, PREDATORS und INCEPTION (alle 2010). Diese Filme sind allesamt Teil des Science-Fiction Films, aber auch Teil des angesprochenen Effekt-Kinos, sie versuchen den Zuschauer mit schnellen Action-Sequenzen und ausgefeilten Spezialeffekten zu begeistern. Ihr kommerzieller Erfolg steht außer Frage, ihre kritische Rezeption ist allerdings oftmals negativ bestimmt.

Dem Science-Fiction Film ist in den letzten Jahren eine Spaltung widerfahren: Effekt-Kino und hoch-budgetierte Science-Fiction Filme sind Teil des Mainstreams, während das Independent-Kino sich zunehmend der Science-Fiction Materie angenommen und viele Kleinodien des Science-Fiction Films geschaffen hat, welche vom Mainstream allerdings kaum bis gar nicht rezipiert wurden. Beispiele dafür sind nicht schwer zu finden: MOON (2009) , PRIMER (2004), CYPHER (2002), FAQ: FREQUENTLY ASKED QUESTIONS (2004), RENAISSANCE (2006), TIMECRIMES (2007), SLEEP DEALER (2008), CARGO (2009), SPLICE (2009) und MONSTERS (2010) fallen alle in die Kategorie der ernstzunehmenden Independent-Science-Fiction Filme.

Doch diese Diversifizierung einerseits, Aufteilung andererseits, birgt auch Risiken. Die Gefahr dieser Entwicklung liegt vor allem in der zunehmenden Banalisierung des Mainstream Science-Fiction Films, der, eben weil er Mainstream Film ist, nicht oder nur langsam auf neue gesellschaftliche Fragestellungen reagieren kann. Gefahr, auch deshalb, weil sich der Independent-Film klar vom Mainstream Film distanziert, sowohl was Plotting als auch Ästhetik betrifft, und in dieser Drift-Bewegung, diesem Sich-Entfernen vom filmischen Mainstream, dann schließlich sich selbst die Möglichkeit versagt, den Mainstream zu erneuern. Sollte also der Fall eintreten, dass der Science-Fiction Film als Teil des Mainstreams sich selbst erschöpft, wird es am jetzigen Independent-Film liegen, sich zu kommerzialisieren; wird ihm diese Möglichkeit allerdings durch eigenes Handeln genommen, so liegt es im Bereich des Möglichen, dass der Science-Fiction Film in dieser Erschöpfung sein Ende als Bestandteil des Mainstreams findet.

Findet diese Erschöpfung bereits statt, ist der Science-Fiction Film als Mainstream mit Filmen wie AVATAR gerade an seinem Höhepunkt angelangt, oder wird dem Science-Fiction Film gerade ob der rezenten Entwicklung mit Filmen wie AVATAR und INCEPTION der Höhepunkt erst für die Zukunft prophezeit? Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, wurde eine Umfrage unter 60 SchülerInnen und StudentInnen durchgeführt, mit dem Ziel herauszufinden, welche Bedeutung Science-Fiction Film in ihrem Filmverständnis inne hat. Die Ergebnisse sind durchaus nicht uninteressant und lassen viele Möglichkeiten der Interpretation zu. Die derzeitige Bedeutung des Science-Fiction Films wird mit einem Durchschnittswert von 2,5 auf einer Skala von 1 bis 4 als durchschnittlich eingestuft, Science-Fiction scheint sich demnach als ein Teil des Mainstreams etabliert zu haben, der allerdings in seiner Bedeutung nicht hervorsticht, etwas, das sich laut Meinung der Befragten, durchaus ändern kann, ist doch der Durchschnittswert der Antworten auf die Frage nach der zukünftigen Bedeutung des Science-Fiction Films 2,2. Die Entwicklung des Science-Fiction Films zu einem bedeutenderen Teil des filmischen Mainstreams steht also nach Meinung der Befragten noch aus und die Science-Fiction wird mit dem weiteren technologischen Fortschritt und den neuen Problemen, die sich daraus ergeben, noch wachsen. Interessanterweise sind jene, die für sich beanspruchen, sehr mit Film vertraut zu sein, etwas skeptischer, auch wenn die Relation der Bedeutung jetzt und der Bedeutung in der Zukunft, in etwa gleich bleibt, so sind die Werte, die von ihnen der Bedeutung und der zukünftigen Bedeutung der Science-Fiction zugewiesen werden, geringfügig höher, und sie schätzen den Science-Fiction Film damit als nicht ganz so bedeutend ein, wie jene, die sich nur oberflächlich mit Film beschäftigen. Nicht verwunderlich ist hingegen, dass jene, die für sich beanspruchen, sehr oft Science-Fiction Filme zu sehen oder sehr vertraut mit Science-Fiction Film zu sein, den Science-Fiction Film als sehr bedeutend erachten. (Vgl. Appendix)

Der Science-Fiction Film als Mainstream befindet sich weder in einer Totenstarre, noch ist er drauf und dran wiedergeboren zu werden, vielmehr erwartet ihn, wenn die Umfrage aussagekräftig ist, eine kommerziell erfolgreiche Zukunft als Teil des Mainstreams. Schlussendlich werden auch Independent-Produktionen von dieser Entwicklung profitieren, können doch Mainstream Filme als Einstieg in das Genre dienen und das Interesse des Publikums für die Motive des Science-Fiction Films wecken. Der Science-Fiction Film blickt also als Genre einer besseren Zukunft entgegen und wird den Mainstream Film auch in den nächsten Jahren mitbestimmen.