Facebook und Co. – herrschaftsfrei und doch hierarchisch

von sophilos

Alte Gewohnheiten sterben langsam oder besser: Erst muss die jeweils alte Generation von der Bildfläche verschwinden. Als Benjamin Franklin nach der Unterzeichnung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung meinte, dass jede Generation ihre Revolution bräuchte, ahnte er wohl nicht, dass es eines Tages technologische Möglichkeiten geben würde, um sich ohne große Strukturen und Machtgefälle zu vernetzen. Facebook, MySpace und Twitter, gepriesen für ihre einigende Wirkung, verschmäht für ihren Umgang mit Userdaten. Doch wie es scheint, schert sich die Nutzergemeinde von heute herzlich wenig darum, allen voran Facebook kann mit immer neuen Rekorden aufwarten. Wenig überraschend, dass genannte Unternehmen aus der Freizügigkeit ihrer Nutzer Profit generieren, das Geschäft mit den Daten prosperiert. Wo bleibt der Aufschrei der Verbraucher? Wenn wir uns zurück erinnern an Googles Datenschutzaffären, man bedenke, dass hier nur anonyme Verbraucherdaten gesammelt wurden, dann wird erst klar, in welcher Art und Weise Facebook und Co unsere Privatsphäre verändert haben – sie sind nicht weniger als das Aufbegehren einer jungen Generation gegenüber alteingesessenen und eingefahrenen Machtstrukturen und Autoritäten. Sie sind Symbole einer Revolution.

Facebook, das ist wenn sich Gleiche mit Gleichen vernetzen, im Netz gibt es keine Hierarchie im gewohnten Sinne. Die Auflösung der hierarchischen Struktur ist vor allem durch ein neues Verständnis von Freundschaft bedingt. Kontakt findet nicht mehr exklusiv statt, Nutzer organisieren sich nach Interessen, nicht nach Möglichkeit, das Freundschaftsnetz eines heutigen Jugendlichen ist weiter gespannt. Leicht kann es passieren, dass Freund wird, wer mit einer getätigten politische Aussage einverstanden oder einfach nur in der Analyse des letzten Fußballspiels übereinstimmt. Wir beobachten hier nicht eine Entwertung oder gar inflationäre Ausdehnung des Freundschaftsbegriffs, nein, es ist vielmehr eine Umwertung angesichts neuer ge-sellschaftlicher Maßstäbe. Für diejenigen, die nicht Anteil an diesem Prozess haben, mag diese Entwicklung schwer nachvollziehbar sein, doch gingen technologische Entwicklungen immer schon mit gesellschaftlichem Wandel einher. Sei es das Mobiltelefon, das unsere Konnektivität transformierte, oder der Fernseher, der unseren Zugang zu Informationen veränderte, technologischer Fortschritt war schon immer Motor für sozialen Wandel. Aber während der Fernseher vor allem im Zeichen kapitalistischer Paradigmata stand und das Mobiltelefon allen voran geschäftliche Beziehungen betraf, sind Facebook und Co Teil einer gesamtheitlichen postmodernen Revolution. Freizügigere Selbstdarstellung und weiter gefasster Freundschaftsbegriff sind Anzeichen eines grundlegenden Wandels: Der Mensch versteht sich verstärkt weniger als abgeschlossenes Individuum und mehr als soziales Wesen, wir erleben den Abgang vom Individualismus der Moder hin zu einem Kommunitarismus der Postmoderne.

Noch ist dies jedoch nur die Herausbildung einer Parallelgesellschaft, die bürgerliche Zivilgesellschaft hat ein anderes Selbstverständnis. Sie besteht auf Traditionen und Hierarchien und so ist es nicht weiter ver-wunderlich, wenn sie versucht – ihre – Werte im Netz durchzusetzen. Gesetze sollen den rechtsfreien Raum Internet regulieren und die bürgerlichen Interessen schützen. Stärker als je zuvor zeigt sich die Copyright-Lobby, jedoch geht mit dem Versuch alte Machtverhältnisse zu erhalten auch eine Radikalisierung der Pa-rallelgesellschaft einher: Anonymous und andere Gruppen nutzen den derzeit rechtsfreien Raum, um ihren Interessen und Einstellungen Gehör zu verschaffen. Gehör, das ihnen in der bürgerlichen Gesellschaft nie gestattet werden würde, sind sie doch viel zu ‚extrem‘ und weit ab von der ‚vernünftigen‘ Mitte. Die Gene-ration Facebook fordert ein, was andere Generationen verhindern wollen, sie fordert das Recht, nicht auf Partizipation an derzeitigen politischen Strukturen, sondern auf das Schaffen eigener und generationen-adäquater Machtverhältnisse. Sie hat althergebrachte gesellschaftliche Paradigmata verworfen und organisiert sich frei und unbedrängt von sozialem Status, was zählt ist Interesse und nicht Macht.

Facebook ist aber nicht nur revolutionär, denn mit zunehmender Verbreitung finden sich verstärkt auch hierarchisierende Elemente. Es organisieren sich bereits jetzt Parteien und andere hierarchische Vereinigungen auf Facebook, um an der digitalen Revolution teilzuhaben. Diese widersprechen in ihren Grundideen zwar oftmals jenen der Generation Facebook, dennoch gelingt es ihnen sich auf sozialen Netzwerken zu etablieren, dies vor allem auf Grund der Veränderungen, die diese Form der Organisation durchmacht, wenn sie mit den Paradigmata des Internets konfrontiert ist. So gelingt es herrschaftsfreien Netzwerken auch traditionelle Machtstrukturen aufzubrechen, nicht zu revolutionieren, aber doch ihnen einen Zwang zur Evolution vor Augen zu führen.

Die zunehmende Verbreitung sozialer Netzwerke kann auf diese Art gesellschaftliche Zustände verändern, durch die Vernetzung der Jugend kann sich diese in einer Diktatur der Alten, wie wir sie in westlichen Ländern bereits haben, Gehör verschaffen. Doch mit der Zunahme der Nutzerzahlen steigt auch die Profitabilität der Unternehmen. Diese ist untrennbar verbunden mit den derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnissen, dem marktliberalen Kapitalismus. Wenn Mark Zuckerberg öffentlich fragen lässt:

[…] ob sich die Idee der Privatsphäre nicht überlebt hat. Ob man die Daten der Nutzer nicht für das gesamte Internet lesbar machen sollte.

, dann geschieht dies nicht aus einem utopischen Verständnis heraus, sondern aus reinem Profitinteresse. Er profitiert direkt von der Gleichheit aller Facebook-Nutzer, die im Wissen, dass alle User gleiche Rechte besitzen, ihren Content zur Verfügung stellen und damit der kommerziellen Nutzung dieser Daten Tür und Tor öffnen. Die freie Verfügbarkeit dieser Informationen macht aus dem herrschaftsfreien Raum wieder eine hierarchische Ordnung. Nicht nur, dass zur Verfügung gestellte Daten kommerziell genutzt werden können, nein, es obliegt dem Willen der Betreiber zu zensieren und zu sperren. Die Idealvorstellung des machtfreien Netzes wird nur allzu schnell von der Realität eingeholt, die bloßes Spiegelbild der Zivilgesellschaft ist, wobei hinzukommt, dass auf Facebook die Nutzer keinerlei Mitbestimmungsmöglichkeit haben. In diesem Sinne ist Facebook eine gefährliche Monopolisierung gesellschaftlichen Zugriffs. Ein Unternehmen ist schließlich gesetzlich dazu verpflichtet den Profit an oberste Stelle zu setzen. Profit, der nicht den Usern und auch nicht der bürgerlichen Zivilgesellschaft zu Gute kommt, sondern einzig und allein Investoren und Teilhabern. Noch eine weitere Gefahr geht von solch frei einsehbaren Netzwerken aus: Repressive staatliche Institutionen haben ebenso Zugriff auf Content und Daten, wie normale Benutzer. Letztendlich braucht es für einen Überwachungsstaat keine Geheimpolizei oder gar Spitzel mehr, nonkonforme Elemente der Gesellschaft können mithilfe von sozialen Netzwerken leicht aufgespürt, ausgespäht und schlussendlich auch entfernt werden. Facebook und Co mit ihren laschen Datenschutzbestimmungen, ihrem Interesse am Weiterbestehen des derzeitigen Wirtschaftssystems und ihrer offenen Haltung, auch gegenüber menschenfeindlichen Diktaturen, sind so schließlich mehr Gefahr als rettender Ufer für alle die, die die Herrschaftsfreiheit des Netzes auch im Alltag herbeisehnen.

Facebook als soziale Utopie ist also Utopie geblieben, Nutzer mögen auch hier mehr Freiheiten genießen als im immanent repressiven System des Nationalstaats, doch hat dieser jederzeit Zugriff auf alle über Facebook ausgetauschten Informationen. Das Netz als rechtsfreier Raum gilt hier für den Nutzer: Er hat kein Recht auf Privatsphäre, kein Recht auf Schutz seiner Person, er ist entweder konform oder in dauernder Gefahr. Soziale Netzwerke repräsentieren gesellschaftlichen Wandel, doch ist dieser Wandel von den Interessen der Betreiber dieser Netzwerke selbst nicht erwünscht. So bleibt jenen, die für sozialen Wandel eintreten, nur der Rückzug oder das Schaffen eigener Netzwerke, unberührt von ökonomischen Interessen und staatlicher Repression.